Deutscher Freidenker-Verband Rheinland-Pfalz / Saar

Streiflichter – Die wechselseitige deutsch-russische Wahrnehmung…

… im Spiegel der Literatur zwischen dem Ende des 15. Jahrhunderts und 1945

Vortrag von Dr. Thomas Hohnerlein aus Anlass einer Veranstaltung der Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft e.V. – Regionalgruppe Saarland- Westpfalz in Beckingen am 20.12.2025

 

Thomas Hohnerlein zum Thema:

„Als wir im Sommer vergangenen Jahres eine Regionalgruppe der Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft im Saarland und der Westpfalz gründeten, lag es nahe, unmittelbar danach mit der Planung einer Veranstaltung zu beginnen, mit der wir uns einer interessierten Öffentlichkeit vorstellen konnten. Wie zu vermuten, sollte dies kein einfaches Unterfangen werden. Wer sich heute zu den Freunden Russlands und der russischen Völker zählt, muss von vornherein darauf gefasst sein, dass er sich mehr Hindernissen gegenübersieht, als ihm lieb sein kann. Und dennoch fanden wir einen schönen Raum, wir sicherten die Finanzierung über Eigenmittel, wir warben für die Veranstaltung im eher informellen Rahmen. Kurzum – die Organisation ging erstaunlich unkompliziert über die Bühne.

Nun stand im Zentrum der Vorbereitungen die Frage, was den Kern unserer Botschaft ausmachen sollte. Als GDRF verstehen wir uns als Akteure einer Volksdiplomatie, die insbesondere den Freundschaftsgedanken jenseits politischer oder ideologischer Präferenzen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellt – also Dialog, kulturellen Austausch, praktischen Austausch über Reisen und Sprachvermittlung, das Kennenlernen des anderen, insbesondere einer russischen Wirklichkeit durch ein deutsches Zielpublikum.

Auch wenn dieses Publikum bereits einer permanenten russophoben Dauerindoktrination ausgesetzt ist, die auch in durchaus relevantem Ausmaß zu greifen scheint, so darf doch nicht verkannt werden, dass die soziale und kulturelle Wirklichkeit noch nicht in dem Maße vergiftet ist, wie es uns die herrschende Politik, deren Funktionseliten, ihre ideologischen Mitläufer und ihre liebedienerischen Medien glauben machen wollen.

Wir setzten auf den offiziell schweigenden Teil, die zahlreichen Menschen in unserer sozialen Wirklichkeit, die dem antirussischen Reflex nicht erliegen, deren Kenntnisse des „Anderen“ aber gering oder nicht vorhanden sind. Menschen, die offen sind, wenn nicht hungrig nach alternativen Narrativen, deren Bedürfnisse zu befriedigen in dieser Gesellschaft aber schon fast an Vaterlandsverrat grenzt.

Was also tun, wenn man kein Geld hat, teure Kultur oder Vorträge „einzukaufen“, wenn man im trüben Wasser schwimmt, und man nicht weiß, ob und wo dieser Versuch auf Gegenliebe oder auf offene, wenn nicht aggressive Ablehnung stößt?

Mir kam als Ausgangspunkt recht spontan die Idee, eine historische Reise zu konzipieren, in deren Verlauf der Blick des Anderen dargestellt werden sollte – der Deutschen auf die russländischen Völker (insbesondere die Russen) und der Blick letzterer auf die Deutschen.

Meine Bibliothek barg eine reiche Fülle an Beispielen, beginnend im späten 15. Jahrhundert. Die Fülle war so groß, dass ich mich nolens volens bescheiden musste, kürzen musste, ausschließen musste, so dass herausragende Autoren nicht vorkommen konnten. Auch chronologisch musste ich eine Grenze einziehen, das Jahr 1945. So sind denn die „Streiflichter“ übriggeblieben. Mit dem Entstehen einer Literatur im ersten sozialistischen deutschen Staat, der DDR, und einer eigenen Literatur, hätte sich mein Gegenstand zu einem Symposium ausgeweitet. Gar nicht zu reden vom Kalten Krieg und der beginnenden Verteuflung alles Russischen im Westen.

Grundgedanke sollte sein, Denkmäler virtuell wieder aufzurichten, wo sie im Augenblick in einem antirussischen Furor zerstört werden (wie in der Ukraine, aber auch im Baltikum, usw.), demontiert werden (wie mit dem Dostojewski Denkmal in Dresden geschehen) oder durch Namensaberkennung dem Vergessen anheimgegeben werden sollen (wie im Falle einer Puschkinschule in Dresden).

Russische Kultur tilgen zu wollen, unsichtbar und undenkbar machen zu wollen, heißt auch, Teile unserer eigenen Wurzeln zu kappen. Ein Nihilismus jeglicher Ergebnisse eines jahrhundertelangen Austausches, gegenseitiger Befruchtung lässt im Eigenen eine banale Hülle übrig, die letztlich den Verfall der eigenen Gesellschaft befördert. In diesem Sinne möchten wir eine Gegenströmung erzeugen.“

 

Auszug des Vortrags:

Streiflichter – Die wechselseitige deutsch-russische  Wahrnehmung im Spiegel der Literatur zwischen dem Ende des 15. Jahrhunderts und 1945

Der komplette Vortrag kann auf der Seite der Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft e.V. nachgelesen werden

Über recht intensive, wiederkehrende und anhaltende Kontakte zwischen unseren Völkern und unseren Kulturen wissen schriftliche Dokumente und die Literatur im umfassenden Sinne schon früh zu berichten.

Die „Rus“ und die „Russen“ sind schon in den mittelhochdeutschen Epen und in den Werken der deutschen Dichter des Mittelalters nichts Seltenes. So werden sie schon gemeinsam mit den Griechen und den „wilden Petschenegen“ unter den Kriegern des Königs Etzel im Nibelungenlied erwähnt.

Auf Überlieferungen über die ferne Rus‘ stoßen wir schon bei Walter von der Vogelweide, Hartmann von Aue, bei Tannhäuser oder Ulrich von Lichtenstein.

Und bei Oswald von Wolkenstein (1377-1445), einem deutschen Dichter aus dem Val Gardena in Südtirol, der nach den Vorbildern der Ritterpoesie erzogen war, der die „russischen“ Lande besuchte und die „russische“ Sprache kannte. Immer wieder gibt es Bezüge zu Russland oder den Russen.

„Ich han gewandelt manig her, gen Preussen, Reussen, über mer“

„Es wär noch vil ze sagen … was ich in jungen tagen, geabenteuert han, mit cristan, Reussen, haiden“

Und von einem Schiffbruch, den er gemeinsam mit einem Russen – einem Seemann oder gleichfalls Kaufmann? – auf dem Schwarzen Meer während einer Reise nach Trapezunt in der heutigen Türkei erlitt, weiß er zu berichten:

„die swarze se lert mich ain fass begreiffen, do mir zerprach mit ungemach mein wargantin, ein kauffman was ich, doch genas ich und kam hin, ich und ain Reuss“.

Anhand des folgenden Beispiels, das als literarisch nur im weiteren Sinne zu betrachten ist, soll deutlich werden, dass es insbesondere der Handel des aufkommenden Bürgertums, die wachsende Kaufmannschaft war, der nach den bislang überwiegend militärischen Berührungen zwischen den Völkern, den Feldzügen der Kreuzritter nach Litauen und der Rus, einzelnen Erkundungsreisen bis „in ein ander lant, daz war Russenia genant“, nun vermehrt den ökonomischen und damit auch den kulturellen Austausch beförderte.

Eine gewaltige Rolle in den Beziehungen zwischen deutschen und russischen Kaufleuten spielten die Spezialdolmetscher, die den einzelnen Hansestädten – Lübeck, Reval, Riga Marienburg, Königsberg bis nach Novgorod – zur Verfügung standen. Auf diese Art war allerdings die Verständigung ein aufwendiges Verfahren und es sollte sich – ähnlich wie im Handel zwischen Venedig und den oberdeutschen Städten, wie z.B. Nürnberg und Augsburg, als nützlich erweisen, dass vermutlich Kaufleute es waren, die zur Selbsthilfe griffen und ihre alltägliche berufliche Praxis in Form mehrsprachiger Wörterbücher dokumentierten.

Was im Falle des oberdeutsch-venezianischen Austausches ein Adam von Rottweil mit seinem deutsch-venezianischen Wörterbuch von 1477 leistete, fand, wenn man so will, einen Nachahmer in einem Deutschen, der Russisch lernen wollte und aller Wahrscheinlichkeit auch in Russland weilte, und seinem „Russischbuch“, das vermutlich vom Ende des 15. Jahrhunderts stammt. Es könnte laut linguistischen Studien im Gebiet Novgorod entstanden sein oder aber mit Hilfe eines Russen aus Nordwestrussland zusammengestellt worden sein.

Die Vertreter vieler ausländischer Handelsgesellschaften, die im 16. und 17. Jahrhundert in Russland tätig waren, trachteten wiederholt danach, über Moskau einen Handelsweg nach dem Osten einzurichten. Der Herzog von Holstein, Friedrich III., erhielt vom russischen Zaren 1633 die Genehmigung, Waren aus Persien über das Kaspische Meer, entlang der Wolga und Oka nach Moskau zu bringen und von dort auf dem Landweg nach Westen. Diese Gesandtschaft, oder Reise, wurde bekanntlich hervorragend vom Sekretär der Delegation, dem hochgebildeten Historiographen Olearius beschrieben, dessen ausführliche Reisebeschreibungen mit zuweilen sehr ablehnenden Charakterisierungen der russischen Menschen bis heute zu den bemerkenswertesten Büchern über Russland gehört, das vielfach in fremde Sprachen übersetzt wurde und einen Ehrenplatz auch in russischen Bibliotheken fand.

Bei Olearius stößt man auch auf den Namen Paul Fleming und hier beginnt es in der Tat literarisch im engeren Sinne zu werden. Fleming, der alles, was ihm und seinen Begleitern auf der Reise begegnete, mit unversiegbarer Neugier, Begeisterung und Wissbegierde aufnahm, widmete der Reise ein ganzes Buch mit Sonetten, Sendschreiben und Oden. Er gilt als größter deutscher Dichter des 17. Jahrhunderts und direkter Vorläufer der klassischen deutschen Dichtung, der Epoche von Goethe und Schiller. Wir haben es also nicht nur mit dem größten Poeten seines Jahrhunderts zu tun, sondern auch mit einem Russlandreisenden und mit seinen Reiseeindrücken sind die besten Früchte seines poetischen Schaffens verknüpft. Flemings Poesie entspringt dem eigenen Erleben.

Fleming hielt sich während der Gesandtschaft im Jahre 1634 für längere Zeit in Nowgorod auf. Er hatte sich vermutlich vor dem Hintergrund der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges entschlossen, sein Heimatland für immer oder zumindest für lange Zeit zu verlassen.

Nach Überschreiten der Grenze zum russischen Reich war er gleich von ganz anderen Bildern beeindruckt. Sehr bald erhielt Fleming die Möglichkeit, das russische Leben ganz aus der Nähe kennenzulernen und sich an die Besonderheiten dieser Lebensweise zu gewöhnen.

 

 Dr. Thomas Hohnerlein ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes, LV Rheinland-Pfalz / Saarland

Der komplette Vortrag auf der Seite der Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft e.V.:

https://gdrf.info/streiflichter/ 

 


Bild(er): Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft e.V.

 

Dieser Beitrag wurde am Montag, 19. Januar 2026 um 13:03 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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