{"id":4417,"date":"2025-09-05T17:10:00","date_gmt":"2025-09-05T15:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/?p=4417"},"modified":"2025-12-07T17:08:11","modified_gmt":"2025-12-07T16:08:11","slug":"eine-neue-aussenpolitik-fuer-europa-ein-essay-von-jeffrey-sachs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/?p=4417","title":{"rendered":"Eine neue Au\u00dfenpolitik f\u00fcr Europa &#8211; Ein Essay von Jeffrey Sachs"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Von Jeffrey D. Sachs, aus dem Englischen \u00fcbersetzt von Klaus-Dieter Kolenda<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>(mit freundlicher \u00dcbernahme von den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NachDenkSeiten<\/a>)<\/em><\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"4422\" data-permalink=\"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/?attachment_id=4422\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Jeffrey_Sachs_at_2012_International_AIDS_Conference.jpg?fit=640%2C427&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"640,427\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Jeffrey_Sachs_at_2012_International_AIDS_Conference\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Jeffrey_Sachs_at_2012_International_AIDS_Conference.jpg?fit=300%2C200&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Jeffrey_Sachs_at_2012_International_AIDS_Conference.jpg?fit=417%2C278&amp;ssl=1\" class=\"alignnone wp-image-4422\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Jeffrey_Sachs_at_2012_International_AIDS_Conference.jpg?resize=495%2C330&#038;ssl=1\" alt=\"Jeffrey Sachs at 2012 International AIDS Conference, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license\" width=\"495\" height=\"330\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Jeffrey_Sachs_at_2012_International_AIDS_Conference.jpg?w=640&amp;ssl=1 640w, https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Jeffrey_Sachs_at_2012_International_AIDS_Conference.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Jeffrey_Sachs_at_2012_International_AIDS_Conference.jpg?resize=417%2C278&amp;ssl=1 417w\" sizes=\"auto, (max-width: 495px) 100vw, 495px\" \/><\/p>\n<h4><strong>In diesem umfangreichen Essay entwirft Jeffrey Sachs die Grundz\u00fcge f\u00fcr eine neue, friedliche und nachhaltige Au\u00dfenpolitik f\u00fcr die EU.<\/strong><\/h4>\n<h4><strong>Im <a href=\"#Sprung_Teil1\">ersten Teil <\/a>analysiert und korrigiert er zun\u00e4chst die irrigen Pr\u00e4missen, die dem gegenw\u00e4rtigen Kurs zugrunde liegen. Im <a href=\"#Sprung_Teil2\">zweiten Teil<\/a> zeigt er die hohen Kosten dieser verfehlten Politik auf und entwickelt konkrete Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine umsetzbare Neuausrichtung.<\/strong><\/h4>\n<h3><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/h3>\n<p><em>Jeffrey Sachs[<strong><a href=\"#note1\">1<\/a><\/strong>] ist ein herausragender Wirtschaftswissenschaftler der Columbia-Universit\u00e4t in New York und seit Jahrzehnten ein weltweit t\u00e4tiger UN-Diplomat. Er kritisiert seit vielen Jahren grunds\u00e4tzlich die US-amerikanische Au\u00dfenpolitik und setzt sich in vielen L\u00e4ndern f\u00fcr eine nachhaltige und friedliche Entwicklung ein. Der vorliegende umfangreiche und aktuelle Essay von Sachs[<strong><a href=\"#note2\">2<\/a><\/strong>] besch\u00e4ftigt sich vor allem mit der gescheiterten europ\u00e4ischen Au\u00dfenpolitik in Bezug auf den Ukraine-Krieg. Damit ist die Au\u00dfenpolitik der EU gemeint. Diese zeichnet sich durch eine vasallenartige Unterw\u00fcrfigkeit gegen\u00fcber den USA und eine unn\u00f6tige, aber gef\u00e4hrliche Feindschaft gegen\u00fcber Russland aus. Stattdessen sollte sie die richtigen Lehren aus der Geschichte ziehen und die M\u00f6glichkeiten der Diplomatie nutzen, um Frieden und nationale Interessen der EU-Staaten zu f\u00f6rdern. Die \u00dcbertragung ins Deutsche erfolgte von Klaus-Dieter Kolenda mit freundlicher Genehmigung von Sonia Sachs. Dabei wurden vom \u00dcbersetzer einige Zwischen\u00fcberschriften erg\u00e4nzt und einige Passagen durch Fettdruck hervorgehoben.<\/em><\/p>\n<p>Dieser Artikel liegt auch als <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/flyer\/250904-Neue-Aussenpolitik-Europa-NDS.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gestaltetes PDF vor<\/a><\/strong>.<\/p>\n<p><strong>Vertont wurde er mehrfach:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>&#8230; durch die NachDenkSeiten in zwei Teilen <strong>als Podcast<\/strong>: <strong><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250904-Neue-Aussenpolitik-fuer-Europa-NDS.mp3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Teil 1<\/a><\/strong>, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250904-Neue-Aussenpolitik-fuer-Europa-Teil-2-NDS.mp3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Teil 2<\/strong><\/a><\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>&#8230; \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/@neutralitystudies\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Neutrality Studies Deutsch<\/strong><\/a> automatisch mit KI-Stimme <span class=\"yt-core-attributed-string yt-core-attributed-string--white-space-pre-wrap\" dir=\"auto\"><span class=\"yt-core-attributed-string--link-inherit-color\" dir=\"auto\">durch das Translation-Project (<a href=\"http:\/\/www.video-translations.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.video-translations.org<\/a>):<\/span><\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/_6EtTZikDb4?si=yqr06MaH2bwpbDBx\" width=\"450\" height=\"253\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" data-mce-fragment=\"1\"><span data-mce-type=\"bookmark\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><\/iframe><\/p>\n<ul>\n<li>&#8230; und durch <strong><a href=\"https:\/\/www.actvism.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ac<em>TV<\/em>ism Munich<\/a><\/strong>:<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Wlp2ZTjQjs8?si=6KX4sinhnIBFiLDH\" width=\"450\" height=\"253\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><span style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" data-mce-type=\"bookmark\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><span style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" data-mce-type=\"bookmark\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><\/iframe><\/p>\n<h5 style=\"padding-left: 40px;\">(&#8222;Dieser Artikel wurde von Jeffrey Sachs verfasst und im <a href=\"https:\/\/www.cirsd.org\/en\/horizons\/horizons-summer-2025--issue-no-31\/a-new-foreign-policy-for-europe\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Horizons Magazine, Ausgabe 31, Sommer 2025<\/a>, ver\u00f6ffentlicht. Wir haben ihn ins Deutsche \u00fcbersetzt und ver\u00f6ffentlichen ihn heute erneut, um die Meinungsbildung zu diesem Thema in Deutschland und dar\u00fcber hinaus zu f\u00f6rdern.&#8220;)<\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 id=\"Sprung_Teil1\"><strong>Teil 1: Die Europ\u00e4ische Union braucht eine neue Au\u00dfenpolitik<\/strong><\/h2>\n<p>Die Europ\u00e4ische Union (EU) braucht eine neue Au\u00dfenpolitik, die sich an den wahren Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen Europas orientiert. Die EU befindet sich derzeit in einer selbst geschaffenen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Falle, die durch eine gef\u00e4hrliche Feindschaft gegen\u00fcber Russland, Misstrauen gegen\u00fcber China und eine extreme Verwundbarkeit von Seiten der Vereinigten Staaten gekennzeichnet ist. Europas Au\u00dfenpolitik ist fast ausschlie\u00dflich von der Angst vor Russland und China getrieben \u2013 was zu einer sicherheitspolitischen Abh\u00e4ngigkeit von den Vereinigten Staaten gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Die Unterw\u00fcrfigkeit Europas gegen\u00fcber den USA r\u00fchrt vor allem von der vorherrschenden Angst vor Russland her, einer Angst, die durch die russophoben Staaten Osteuropas und ein falsches Narrativ \u00fcber den Ukraine-Krieg noch verst\u00e4rkt wird.<\/p>\n<p>Basierend auf dem Glauben, dass Russland ihre gr\u00f6\u00dfte Sicherheitsbedrohung ist, ordnet die EU alle ihre anderen au\u00dfenpolitischen Themen \u2013 solche wirtschaftlicher Art und in den Bereichen Handel, Umwelt, Technologie und Diplomatie \u2013 den USA unter. Ironischerweise klammert sie sich eng an Washington an, obwohl die Vereinigten Staaten in ihrer eigenen Au\u00dfenpolitik gegen\u00fcber der EU schw\u00e4cher, instabiler, unberechenbarer, irrationaler und gef\u00e4hrlicher geworden sind, sogar bis zu dem Punkt, an dem sie die europ\u00e4ische Souver\u00e4nit\u00e4t in Gr\u00f6nland offen bedrohen.<\/p>\n<p>Um eine neue Au\u00dfenpolitik zu entwerfen, muss Europa die falsche Pr\u00e4misse seiner extremen Verwundbarkeit gegen\u00fcber Russland \u00fcberwinden. Das Narrativ von Br\u00fcssel, der NATO und dem Vereinigten K\u00f6nigreich besagt, dass Russland von Natur aus expansionistisch ist und Europa \u00fcberrennen wird, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt. Die sowjetische Besetzung Osteuropas von 1945 bis 1991 wird heute als ein Beweis f\u00fcr diese Bedrohung angesehen. Dieses falsche Narrativ beruht jedoch auf einem Missverst\u00e4ndnis des russischen Verhaltens sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart.<\/p>\n<p>Der erste Teil dieses Essays zielt darauf ab, die falsche Pr\u00e4misse zu korrigieren, dass Russland eine schreckliche Bedrohung f\u00fcr Europa darstellt. Der zweite Teil befasst sich mit einer neuen europ\u00e4ischen Au\u00dfenpolitik, sobald Europa seine irrationale Russophobie \u00fcberwunden hat.<\/p>\n<h4><strong>Falsche Pr\u00e4misse eines russischen Imperialismus gegen\u00fcber dem Westen<\/strong><\/h4>\n<p>Europas Au\u00dfenpolitik geht von einer angeblichen Sicherheitsbedrohung Europas durch Russland aus. Doch diese Pr\u00e4misse ist falsch.<\/p>\n<p>Russland wurde in den letzten zwei Jahrhunderten wiederholt von den westlichen Gro\u00dfm\u00e4chten (insbesondere Gro\u00dfbritannien, Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten) \u00fcberfallen und sucht seit Langem Sicherheit durch eine Pufferzone zwischen sich und den Westm\u00e4chten.<\/p>\n<p>Die stark umk\u00e4mpfte Pufferzone umfasst das heutige Polen, die Ukraine, Finnland und die baltischen Staaten. Diese Region zwischen den Westm\u00e4chten und Russland ist f\u00fcr die wichtigsten Sicherheitsdilemmata verantwortlich, mit denen Westeuropa und Russland konfrontiert sind.<\/p>\n<p>Zu den gro\u00dfen westlichen Kriegen, die seit 1800 gegen Russland gef\u00fchrt wurden, geh\u00f6ren:<\/p>\n<ul>\n<li>die franz\u00f6sische Invasion in Russland im Jahr 1812 (Napoleonische Kriege);<\/li>\n<li>die britische und franz\u00f6sische Invasion Russlands 1853-1856 (Krimkrieg);<\/li>\n<li>die deutsche Kriegserkl\u00e4rung an Russland am 1. August 1914 (Erster Weltkrieg);<\/li>\n<li>die Intervention der Alliierten im Russischen B\u00fcrgerkrieg 1918-1922 (Russischer B\u00fcrgerkrieg) und<\/li>\n<li>der deutsche \u00dcberfall auf Russland 1941 (Zweiter Weltkrieg).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Jeder dieser Kriege stellte eine existenzielle Bedrohung f\u00fcr das \u00dcberleben Russlands dar.<\/p>\n<p><strong>Aus russischer Sicht waren das Scheitern der Entmilitarisierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, die Gr\u00fcndung der NATO, die Eingliederung Westdeutschlands in die NATO im Jahr 1955, die Osterweiterung der NATO nach 1991 und die anhaltende Expansion von US-Milit\u00e4rst\u00fctzpunkten und Raketensystemen in Osteuropa in der N\u00e4he der russischen Grenzen die gr\u00f6\u00dften Bedrohungen f\u00fcr die nationale Sicherheit Russlands seit dem Zweiten Weltkrieg.<\/strong><\/p>\n<p>Auch Russland ist mehrfach in den Westen einmarschiert:<\/p>\n<ul>\n<li>Russlands Angriff auf Ostpreu\u00dfen 1914;<\/li>\n<li>der Ribbentrop-Molotow-Pakt von 1939, nach dem Polen zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt und 1940 die baltischen Staaten annektiert wurden;<\/li>\n<li>der \u00dcberfall auf Finnland im November 1939 (der \u201eWinterkrieg\u201c);<\/li>\n<li>die sowjetische Besetzung Osteuropas von 1945 bis 1989 und<\/li>\n<li>die russische Invasion in der Ukraine im Februar 2022.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese russischen Aktionen werden von Europa als objektiver Beweis f\u00fcr Russlands Westexpansionismus angesehen, doch eine solche Sichtweise ist naiv, ahistorisch und propagandistisch.<\/p>\n<p><strong>In allen f\u00fcnf F\u00e4llen handelte Russland, um seine nationale Sicherheit zu sch\u00fctzen \u2013 wie es sie sah \u2013, und betrieb keinen Expansionismus nach Westen um seiner selbst willen. Diese grundlegende Wahrheit ist der Schl\u00fcssel zur L\u00f6sung des Konflikts zwischen Europa und Russland heute. Russland strebt keine Expansion nach Westen an.<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Russland ist zentral das Streben nach nationaler Sicherheit. Doch der Westen hat es lange vers\u00e4umt, Russlands zentrale nationale Sicherheitsinteressen anzuerkennen, geschweige denn zu respektieren.<\/p>\n<p>Lasst uns deshalb diese f\u00fcnf F\u00e4lle der angeblichen Westexpansion Russlands n\u00e4her ansehen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h4><strong>Russlands Angriff auf Ostpreu\u00dfen 1914<\/strong><\/h4>\n<p>Der erste Fall, der russische Angriff auf Ostpreu\u00dfen 1914, kann schnell abgehakt werden. Denn: Am 1. August 1914 hatte das Deutsche Reich als erstes Russland den Krieg erkl\u00e4rt. Der russische Einmarsch in Ostpreu\u00dfen war eine direkte Reaktion auf die deutsche Kriegserkl\u00e4rung.<\/p>\n<h4><strong>Der Ribbentrop-Molotow-Pakt von 1939<\/strong><\/h4>\n<p>Der zweite Fall, die Vereinbarung Sowjetrusslands mit Hitlers Drittem Reich zur Teilung Polens 1939 und die Annexion der baltischen Staaten 1940, wird im Westen als der klarste Beweis f\u00fcr die russische Niedertracht angesehen. Aber auch dies ist eine vereinfachende und falsche Lesart der Geschichte.<\/p>\n<p>Wie Historiker wie E. H. Carr, Stephen Kotkin und Michael Jabara Carley [<a href=\"#note3\"><strong>3<\/strong><\/a>] sorgf\u00e4ltig dokumentiert haben, wandte sich Stalin 1939 an Gro\u00dfbritannien und Frankreich, um ein Verteidigungsb\u00fcndnis gegen Hitler zu bilden, der seine Absicht erkl\u00e4rt hatte, im Osten Krieg gegen Russland zu f\u00fchren (f\u00fcr \u201eLebensraum\u201c im Osten, die Versklavung der slawischen Bev\u00f6lkerung und die Zerst\u00f6rung des Bolschewismus).<\/p>\n<p>Stalins Versuch, ein B\u00fcndnis mit den Westm\u00e4chten zu schmieden, wurde jedoch komplett zur\u00fcckgewiesen. Polen weigerte sich sogar, zuzulassen, dass im Falle eines Krieges mit Deutschland sowjetische Truppen polnisches Territorium \u00fcberqueren durften. Der Hass der westlichen Eliten auf den Sowjetkommunismus war mindestens so gro\u00df wie ihre Angst vor Hitler. In der Tat lautete damals ein g\u00e4ngiger Spruch [<a href=\"#note4\"><strong>4<\/strong><\/a>] unter den britischen rechten Eliten in den sp\u00e4ten 1930er-Jahren: \u201eBesser Hitlerismus als Kommunismus\u201c.<\/p>\n<p>Da es nicht gelang, ein Verteidigungsb\u00fcndnis mit den Westm\u00e4chten abzuschlie\u00dfen, zielte Stalins Politik in der Folge darauf ab, eine Pufferzone gegen die bevorstehende deutsche Invasion Russlands zu schaffen.<\/p>\n<p>Die Teilung Polens und die Annexion der baltischen Staaten waren taktische Ziele, um Zeit f\u00fcr die bevorstehende Schlacht von Armageddon mit Hitlers Armeen zu gewinnen, die am 22. Juni 1941 mit dem deutschen \u00dcberfall auf die Sowjetunion im Rahmen der \u201eOperation Barbarossa\u201c begann. Die vorangegangene Teilung Polens und die Annexion der baltischen Staaten k\u00f6nnten die Invasion verz\u00f6gert und die Sowjetunion vor einer schnellen Niederlage durch Hitler bewahrt haben.<\/p>\n<h4><strong>Russlands Winterkrieg gegen Finnland 1939<\/strong><\/h4>\n<p>Der dritte Fall, Russlands Winterkrieg mit Finnland, wird in Westeuropa (und insbesondere in Finnland) in \u00e4hnlicher Weise als Beweis f\u00fcr den expansionistischen Charakter Russlands angesehen.<\/p>\n<p>Wieder einmal war die grundlegende Motivation Russlands defensiv und nicht offensiv. Russland bef\u00fcrchtete, dass die deutsche Invasion zum Teil \u00fcber Finnland f\u00fchren und dann Leningrad schnell von Hitler eingenommen werden w\u00fcrde. Die Sowjetunion schlug Finnland daher vor, Territorium mit der Sowjetunion zu tauschen (insbesondere den Karelischen Isthmus und einige Inseln im Finnischen Meerbusen im Gegenzug f\u00fcr die Abtretung russischer Gebiete), um Leningrad besser verteidigen zu k\u00f6nnen. Finnland lehnte diesen Vorschlag ab, und die Sowjetunion marschierte am 30. November 1939 in Finnland ein. In der Folge schloss sich Finnland Hitlers Armeen im Krieg gegen die Sowjetunion w\u00e4hrend des sogenannten \u201eFortsetzungskrieges\u201c zwischen 1941 und 1944 an.<\/p>\n<h4><strong>Die sowjetische Besetzung Osteuropas von 1945 bis 1989<\/strong><\/h4>\n<p>Der vierte Fall, die sowjetische Besetzung Osteuropas (und die fortgesetzte Annexion der baltischen Staaten) w\u00e4hrend des Kalten Krieges, wird in Europa als ein weiterer klarer Beweis f\u00fcr Russlands fundamentale Bedrohung der europ\u00e4ischen Sicherheit gewertet.<\/p>\n<p>Die sowjetische Besatzung war in der Tat brutal, aber auch sie hatte eine defensive Motivation, die in der westeurop\u00e4ischen und amerikanischen Erz\u00e4hlung v\u00f6llig \u00fcbersehen wird.<\/p>\n<p>Die Sowjetunion trug die Hauptlast des Sieges \u00fcber Hitler und verlor im Krieg die best\u00fcrzende Anzahl von 27 Millionen B\u00fcrgern. Russland hatte deshalb am Ende des Krieges eine vordringliche Forderung, dass seine Sicherheitsinteressen durch einen Vertrag garantiert w\u00fcrden, der es vor k\u00fcnftigen Bedrohungen aus Deutschland und dem Westen im Allgemeinen sch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Der Westen, nun angef\u00fchrt von den Vereinigten Staaten, verweigerte sich dieser grundlegenden Sicherheitsforderung der Sowjetunion. Der Kalte Krieg ist das Ergebnis der Weigerung des Westens, die vitalen Sicherheitsbedenken Russlands zu respektieren. Nat\u00fcrlich sagt die Geschichte des Kalten Krieges entsprechend der westlichen Erz\u00e4hlung genau das Gegenteil, dass der Kalte Krieg einzig und allein aus Russlands kriegerischen Versuchen resultierte, die Welt zu erobern!<\/p>\n<p>Hier ist die eigentliche Geschichte, die den Historikern gut bekannt, aber der \u00d6ffentlichkeit in den Vereinigten Staaten und Europa fast v\u00f6llig unbekannt ist.<\/p>\n<p>Am Ende des Krieges strebte die Sowjetunion einen Friedensvertrag an, der ein vereintes, neutrales und entmilitarisiertes Deutschland begr\u00fcnden sollte. Auf der Potsdamer Konferenz im Juli 1945 [<strong><a href=\"#note5\">5<\/a><\/strong>], an der die F\u00fchrer der Sowjetunion, des Vereinigten K\u00f6nigreichs und der Vereinigten Staaten teilnahmen, einigten sich die drei alliierten M\u00e4chte auf \u201edie vollst\u00e4ndige Entwaffnung und Entmilitarisierung Deutschlands und die Vernichtung oder Kontrolle der deutschen Industrie, die f\u00fcr die milit\u00e4rische Produktion verwendet werden k\u00f6nnte\u201c. Deutschland sollte vereinigt, befriedet und entmilitarisiert werden. All dies sollte durch einen Vertrag zur Beendigung des Krieges abgesichert werden. Tats\u00e4chlich haben die USA und das Vereinigte K\u00f6nigreich jedoch eifrig daran gearbeitet, dieses Kernprinzip zu untergraben.<\/p>\n<h4>\u201e<strong>Operation Unthinkable\u201c<\/strong><\/h4>\n<p>Bereits im Mai 1945 beauftragte Winston Churchill seinen milit\u00e4rischen Generalstabschef damit, einen Kriegsplan auszuarbeiten, um Mitte 1945 einen \u00dcberraschungsangriff gegen die Sowjetunion zu beginnen, der den Codenamen \u201eOperation Unthinkable\u201c [<a href=\"#note6\"><strong>6<\/strong><\/a>] trug.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ein solcher Krieg von den britischen Milit\u00e4rplanern als undurchf\u00fchrbar erachtet wurde, setzte sich schnell die Vorstellung durch, dass sich die Amerikaner und Briten auf einen zuk\u00fcnftigen Krieg mit der Sowjetunion vorbereiten sollten. Die Kriegsplaner gingen davon aus, dass der wahrscheinliche Zeitpunkt f\u00fcr einen solchen Krieg die fr\u00fchen 1950er-Jahre sein sollte.<\/p>\n<p>Churchills Ziel war es offenbar, zu verhindern, dass Polen und andere L\u00e4nder Osteuropas in die sowjetische Einflusssph\u00e4re gerieten. Auch in den Vereinigten Staaten sahen f\u00fchrende Milit\u00e4rplaner die Sowjetunion innerhalb weniger Wochen nach der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 als Amerikas n\u00e4chsten Feind an.<\/p>\n<p>Die USA und Gro\u00dfbritannien rekrutierten schnell Nazi-Wissenschaftler und hochrangige Geheimdienstmitarbeiter (wie z.B. Reinhard Gehlen, einen Nazi-F\u00fchrer, der von Washington beim Aufbau eines Auslandsgeheimdienstes im Nachkriegs-Westdeutschland unterst\u00fctzt wurde), um bei der Planung des bevorstehenden Krieges mit der Sowjetunion mitzuwirken.<\/p>\n<h4><strong>Remilitarisierung Deutschlands wahrer Grund f\u00fcr den \u201eKalten Krieg\u201c<\/strong><\/h4>\n<p>Der \u201eKalte Krieg\u201c brach vor allem deshalb aus, weil die Amerikaner und Briten die in Potsdam vereinbarte deutsche Wiedervereinigung und Entmilitarisierung ablehnten.<\/p>\n<p>Stattdessen verhinderten die Westm\u00e4chte die deutsche Wiedervereinigung, indem sie aus den drei Besatzungszonen der Vereinigten Staaten, des Vereinigten K\u00f6nigreichs und Frankreichs die Bundesrepublik Deutschland (BRD) bildeten. Die BRD sollte unter amerikanischer \u00c4gide reindustrialisiert und remilitarisiert werden. 1955 wurde die Bundesrepublik in die NATO aufgenommen.<\/p>\n<p><strong>W\u00e4hrend Historiker leidenschaftlich dar\u00fcber debattiert haben, wer sich an die Vereinbarungen von Potsdam gehalten hat und wer nicht (z.B. mit dem Hinweis des Westens auf die sowjetische Weigerung, in Polen eine wirklich repr\u00e4sentative Regierung zuzulassen, wie es in Potsdam vereinbart worden war), besteht kein Zweifel daran, dass die Remilitarisierung der Bundesrepublik Deutschland durch den Westen die Hauptursache f\u00fcr den Kalten Krieg war.<\/strong><\/p>\n<p>1952 schlug Stalin eine Wiedervereinigung Deutschlands auf der Grundlage von Neutralit\u00e4t und Entmilitarisierung vor. Dieser Vorschlag wurde von den Vereinigten Staaten abgelehnt.<\/p>\n<p>1955 einigten sich die Sowjetunion und \u00d6sterreich darauf, dass die Sowjetunion ihre Besatzungstruppen aus \u00d6sterreich abziehen w\u00fcrde, wenn \u00d6sterreich im Gegenzug dazu eine dauerhafte Neutralit\u00e4t zusichern w\u00fcrde. Der \u00f6sterreichische Staatsvertrag wurde am 15. Mai 1955 [<a href=\"#note7\"><strong>7<\/strong><\/a>]\u00a0von der Sowjetunion, den Vereinigten Staaten, Frankreich und dem Vereinigten K\u00f6nigreich gemeinsam mit \u00d6sterreich unterzeichnet und f\u00fchrte damit zum Ende der Besatzung.<\/p>\n<p>Ziel der Sowjetunion war es dabei nicht nur, die Spannungen um \u00d6sterreich zu l\u00f6sen, sondern den Vereinigten Staaten auch ein erfolgreiches Modell des sowjetischen R\u00fcckzugs aus Europa in Verbindung mit Neutralit\u00e4t zu zeigen. Wieder einmal lehnten die Vereinigten Staaten den sowjetischen Appell ab, den Kalten Krieg auf der Grundlage der deutschen Neutralit\u00e4t und Entmilitarisierung zu beenden.<\/p>\n<p><strong>Noch 1957 pl\u00e4dierte der amerikanische Altmeister f\u00fcr Angelegenheiten der Sowjetunion, George Kennan, in seiner dritten Reith-Vorlesung f\u00fcr die BBC <\/strong><strong>[<a href=\"#note8\">8<\/a>]<\/strong><strong> \u00f6ffentlich und leidenschaftlich daf\u00fcr, dass sich die Vereinigten Staaten mit der Sowjetunion auf einen gegenseitigen Truppenabzug aus Europa einigen sollten. Die Sowjetunion, so betonte Kennan, ziele nicht auf eine milit\u00e4rische Invasion Westeuropas ab oder sei daran interessiert. Die Kalten Krieger der USA, angef\u00fchrt von John Foster Dulles, hatten jedoch nichts daf\u00fcr \u00fcbrig. Bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990 wurde kein Friedensvertrag mit Deutschland unterzeichnet, um den Zweiten Weltkrieg zu beenden.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist erw\u00e4hnenswert, dass die Sowjetunion nach 1955 die Neutralit\u00e4t \u00d6sterreichs und auch der anderen neutralen L\u00e4nder Europas (einschlie\u00dflich Schweden, Finnland, der Schweiz, Irlands, Spaniens und Portugals) respektiert hat.<\/p>\n<p>Der finnische Pr\u00e4sident Alexander Stubb hat k\u00fcrzlich erkl\u00e4rt, dass die Ukraine die Neutralit\u00e4t aufgrund der negativen Erfahrungen Finnlands ablehnen sollte (wobei die finnische Neutralit\u00e4t im Jahr 2024 endete, als das Land der NATO beigetreten ist). Das ist jedoch ein bizarrer Gedanke. Finnland blieb w\u00e4hrend der Neutralit\u00e4t im Frieden, erreichte einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Wohlstand und stand an der Spitze der Weltliga, wenn es um das Gl\u00fccksempfinden der Bev\u00f6lkerung ging (laut World Happiness Report).<\/p>\n<h4><strong>Kennedy wollte den Kalten Krieg beenden und wurde ermordet<\/strong><\/h4>\n<p>Pr\u00e4sident John F. Kennedy zeigte den m\u00f6glichen Weg zur Beendigung des Kalten Krieges auf, der auf der gegenseitigen Achtung der Sicherheitsinteressen aller Seiten beruhte. Kennedy blockierte den Versuch des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer, sich Atomwaffen von Frankreich zu beschaffen, und zerstreute damit die sowjetischen Bedenken vor einer atomaren Bewaffnung Deutschlands.<\/p>\n<p>Auf dieser Grundlage verhandelte JFK erfolgreich mit seinem sowjetischen Amtskollegen Nikita Chruschtschow den Vertrag \u00fcber das teilweise Verbot von Nuklearversuchen. Kennedy wurde h\u00f6chstwahrscheinlich einige Monate sp\u00e4ter von einer Gruppe von CIA-Agenten im Gefolge seiner Friedensinitiative ermordet. Dokumente, die im Jahr 2025 ver\u00f6ffentlicht wurden, best\u00e4tigen den seit Langem gehegten Verdacht, dass Lee Harvey Oswald direkt von James Angleton, einem hochrangigen CIA-Beamten, als Agent gef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Ouvert\u00fcre der USA zum Frieden mit der Sowjetunion begann unter Richard Nixon. Auch er wurde durch die Watergate-Aff\u00e4re zu Fall gebracht, die ebenfalls Anzeichen f\u00fcr eine geheime CIA-Operation aufweist, die nie gekl\u00e4rt wurde.<\/p>\n<h4><strong>Gorbatschow wurde versprochen, dass sich die NATO nicht ausdehnen w\u00fcrde<\/strong><\/h4>\n<p>Michail Gorbatschow beendete schlie\u00dflich den Kalten Krieg, indem er den Warschauer Pakt einseitig aufl\u00f6ste und die Demokratisierung Osteuropas aktiv vorantrieb.<\/p>\n<p>Ich habe selbst an einigen Veranstaltungen in diesem Zusammenhang teilgenommen und war Zeuge von Gorbatschows Friedensstiftungen. So forderte Gorbatschow im Sommer 1989 die kommunistische F\u00fchrung Polens auf, eine Koalitionsregierung mit den von der Solidarnosc-Bewegung angef\u00fchrten Oppositionskr\u00e4ften zu bilden.<\/p>\n<p>Das Ende des Warschauer Pakts und die Demokratisierung Osteuropas, alles unter der Leitung Gorbatschows, f\u00fchrten schnell zu den Aufrufen des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl zur Wiedervereinigung Deutschlands. Dies f\u00fchrte 1990 zu den Wiedervereinigungsvertr\u00e4gen zwischen der BRD und der DDR und zum sogenannten Zwei-plus-Vier-Vertrag zwischen den beiden deutschen Staaten und den vier alliierten M\u00e4chten USA, Gro\u00dfbritannien, Frankreich und der Sowjetunion.<\/p>\n<p><strong>Die Vereinigten Staaten und Deutschland haben Gorbatschow im Februar 1990 eindeutig versprochen, dass sich die NATO im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung \u201ekeinen Zentimeter nach Osten ausdehnen\u201c<\/strong> <strong>[<a href=\"#note9\">9<\/a>]\u00a0w\u00fcrde, eine Tatsache, die heute von den Westm\u00e4chten weitgehend geleugnet wird, die aber leicht zu \u00fcberpr\u00fcfen ist. Dieses zentrale Versprechen, die NATO-Erweiterung nicht zu erweitern, wurde mehrfach gegeben, aber es wurde nicht in den Text des Zwei-plus-Vier-Vertrages aufgenommen, da es bei diesem Abkommen um die deutsche Wiedervereinigung und nicht um die NATO-Osterweiterung ging.<\/strong><\/p>\n<h4><strong>Die Invasion Russlands in die Ukraine im Februar 2022<\/strong><\/h4>\n<p>Der f\u00fcnfte Fall, der Einmarsch Russlands in die Ukraine im Februar 2022, gilt im Westen erneut als Beleg f\u00fcr den unverbesserlichen russischen Westimperialismus. Das Lieblingswort westlicher Medien, Experten und Propagandisten ist, dass Russlands Invasion \u201eunprovoziert\u201c [<strong><a href=\"#note10\">10<\/a><\/strong>] war und daher ein Beweis f\u00fcr Putins unerbittliches Bestreben ist, das Russische Reich nicht nur wiederherzustellen, sondern weiter nach Westen vorzudringen, was bedeutet, dass Europa sich auf einen Krieg mit Russland vorbereiten muss. Das ist jedoch eine absurde gro\u00dfe L\u00fcge, aber sie wird von den Mainstream-Medien so oft wiederholt, dass sie in Europa weithin geglaubt wird.<\/p>\n<p><strong>Fakt ist, dass die russische Invasion im Februar 2022 vom Westen so gr\u00fcndlich provoziert wurde, dass man vermuten kann, dass es sich tats\u00e4chlich um einen amerikanischen Plan handelte, um die Russen in den Krieg zu locken, um Russland zu besiegen oder zu schw\u00e4chen. Das ist eine glaubw\u00fcrdige Behauptung [<a href=\"#note11\">11<\/a>], wie eine lange Reihe von \u00c4u\u00dferungen zahlreicher US-Beamter best\u00e4tigt <\/strong><strong>[<a href=\"#note12\">12<\/a>]<\/strong><strong>. Nach der Invasion erkl\u00e4rte US-Verteidigungsminister Lloyd Austin <\/strong><strong>[<a href=\"#note13\">13<\/a>]<\/strong><strong>, Washingtons Ziel sei es, \u201eRussland so zu schw\u00e4chen, dass es nicht mehr in der Lage ist, die Art von Dingen zu tun, die es bei der Invasion in der Ukraine getan hat. Die Ukraine kann gewinnen, wenn sie die richtige Ausr\u00fcstung und die richtige Unterst\u00fctzung hat.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die wichtigste amerikanische Provokation Russlands bestand darin, die NATO entgegen der Versprechen von 1990 nach Osten auszudehnen, mit einem wichtigen Ziel, Russland mit NATO-Staaten in der Schwarzmeerregion zu umzingeln, wodurch Russland nicht mehr in der Lage w\u00e4re, seine auf der Krim stationierte Seemacht in das \u00f6stliche Mittelmeer und den Nahen Osten zu projizieren.<\/p>\n<p>Im Wesentlichen war dieses Ziel der USA dasselbe wie das Ziel von Lord Palmerston und Napoleon III. im Krimkrieg: die russische Flotte aus dem Schwarzen Meer zu verbannen. Zu den NATO-Staaten w\u00fcrden die Ukraine, Rum\u00e4nien, Bulgarien, die T\u00fcrkei und Georgien geh\u00f6ren und damit eine Schlinge bilden, um Russlands Seemacht am Schwarzen Meer zu erdrosseln.<\/p>\n<p>Brzezinski beschrieb diese Strategie 1997 in seinem Buch \u201eDas gro\u00dfe Schachbrett\u201c, in dem er behauptete, dass Russland sich mit Sicherheit dem Willen des Westens beugen w\u00fcrde, da es keine andere Wahl hatte, als dies zu tun [<a href=\"#note14\"><strong>14<\/strong><\/a>]. Brzezinski wies auch ausdr\u00fccklich die Idee zur\u00fcck, dass Russland sich jemals mit China gegen Europa verb\u00fcnden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die gesamte Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 ist gepr\u00e4gt von westlicher Hybris (wie der Historiker Jonathan Haslam seinen hervorragenden Bericht [<a href=\"#note15\"><strong>15<\/strong><\/a>] betitelte), aufgrund dessen die Vereinigten Staaten und Europa glaubten, sie k\u00f6nnten die NATO und amerikanische Waffensysteme (wie z.B. Aegis-Raketen) ohne R\u00fccksicht auf Russlands nationale Sicherheitsbedenken nach Osten verlagern. Die Liste der westlichen Provokationen ist zu lang, um sie hier im Detail aufzuf\u00fchren, aber eine kurze Zusammenfassung enth\u00e4lt die folgenden Fakten.<\/p>\n<h4><strong>NATO-Osterweiterung seit 1999 und 2004 und Krieg gegen Serbien 1999 mit Abspaltung des Kosovo<\/strong><\/h4>\n<p>Erstens: Entgegen der Versprechungen von 1990 begannen die Vereinigten Staaten die NATO-Osterweiterung mit den Ank\u00fcndigungen des damaligen Pr\u00e4sidenten Bill Clinton im Jahr 1994. Zu dieser Zeit erwog Clintons Verteidigungsminister William Perry seinen R\u00fccktritt wegen dieses r\u00fccksichtslosen Vorgehens der USA, entgegen fr\u00fcherer Versprechen.<\/p>\n<p>Die erste Welle der NATO-Erweiterung fand 1999 statt, an der Polen, Ungarn und die Tschechische Republik beteiligt waren. Im selben Jahr bombardierten NATO-Truppen Russlands Verb\u00fcndeten Serbien 78 Tage lang, um Serbien auseinanderzubrechen, und die NATO errichtete schnell einen neuen gro\u00dfen Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt in der abtr\u00fcnnigen Provinz Kosovo.<\/p>\n<p>Im Jahr 2004 umfasste die zweite Welle der NATO-Osterweiterung sieben L\u00e4nder, darunter Russlands direkte Nachbarn im Baltikum und zwei L\u00e4nder am Schwarzen Meer \u2013 Bulgarien und Rum\u00e4nien.<\/p>\n<p>Im Jahr 2008 erkannte der gr\u00f6\u00dfte Teil der EU den Kosovo als unabh\u00e4ngigen Staat an, im Gegensatz zu den europ\u00e4ischen Beteuerungen, dass die europ\u00e4ischen Grenzen unantastbar seien.<\/p>\n<h4><strong>K\u00fcndigung des ABM-Vertrags 2001 und des INF-Vertrags 2019 und Stationierung neuer ballistischer Raketensysteme in Polen und Rum\u00e4nien<\/strong><\/h4>\n<p>Zweitens haben die Vereinigten Staaten den Rahmen f\u00fcr die nukleare R\u00fcstungskontrolle zerst\u00f6rt, indem sie 2002 einseitig aus dem Vertrag \u00fcber die Abwehr ballistischer Raketen ausgestiegen sind. Im Jahr 2019 k\u00fcndigte Washington in \u00e4hnlicher Weise den Vertrag \u00fcber nukleare Mittelstreckensysteme. Trotz der heftigen Einw\u00e4nde Russlands begannen die USA, antiballistische Raketensysteme in Polen und Rum\u00e4nien aufzustellen, und behielten sich im Januar 2022 das Recht vor, solche Systeme auch in der Ukraine zu stationieren.<\/p>\n<h4><strong>Tiefgreifende Beeinflussung der ukrainischen Innenpolitik<\/strong><\/h4>\n<p>Drittens haben die Vereinigten Staaten die ukrainische Innenpolitik tiefgehend infiltriert und Milliarden von Dollar ausgegeben, um die \u00f6ffentliche Meinung zu beeinflussen, Medienkan\u00e4le zu schaffen und die ukrainische Innenpolitik zu steuern.<\/p>\n<p>Die Wahlen in der Ukraine 2004-2005 gelten weithin als eine US-amerikanische Farbrevolution, bei der die Vereinigten Staaten ihren verdeckten und offenen Einfluss und ihre Finanzierung nutzten, um die Wahl zugunsten der von den USA unterst\u00fctzten Kandidaten zu beeinflussen.<\/p>\n<p>In den Jahren 2013 und 2014 spielten die Vereinigten Staaten eine direkte Rolle bei der Finanzierung der Maidan-Proteste und bei der Unterst\u00fctzung des gewaltsamen Putsches, der den neutral gesinnten Pr\u00e4sidenten Viktor Janukowitsch st\u00fcrzte und damit den Weg f\u00fcr ein ukrainisches Regime ebnete, das die NATO-Mitgliedschaft unterst\u00fctzte.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Ich wurde kurz nach dem gewaltsamen Putsch vom 22. Februar 2014, der Janukowitsch st\u00fcrzte, zu einem Besuch auf dem Maidan eingeladen. Die Rolle der amerikanischen Finanzierung der Proteste wurde mir von einer US-amerikanischen NGO erkl\u00e4rt, die tief in die Maidan-Ereignisse verwickelt war.<\/p>\n<h4><strong>Planung einer NATO-Erweiterung um die Ukraine und Georgien seit 2008<\/strong><\/h4>\n<p>Viertens dr\u00e4ngten die Vereinigten Staaten ab 2008 die NATO gegen die Einw\u00e4nde mehrerer europ\u00e4ischer Staats- und Regierungschefs dazu, sich zur Erweiterung um die Ukraine und Georgien zu verpflichten. Der damalige US-Botschafter in Moskau, William J. Burns, telegrafierte ein inzwischen ber\u00fcchtigtes Memo mit dem Titel \u201eNyet Means Nyet: Russia\u2019s NATO Enlargement Redlines\u201c [<a href=\"#note16\"><strong>16<\/strong><\/a>] nach Washington, in dem er erkl\u00e4rte, dass die gesamte russische politische Klasse zutiefst gegen eine NATO-Erweiterung um die Ukraine sei und dass sie bef\u00fcrchte, dass ein solcher Versuch zu B\u00fcrgerkriegen in der Ukraine f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n<h4><strong>Abspaltung des Donbass und Minsker Vertr\u00e4ge<\/strong><\/h4>\n<p>F\u00fcnftens haben sich die ethnisch russischen Regionen der Ostukraine (Donbass) nach dem Putsch von der neuen westukrainischen Regierung abgespalten, die durch den Putsch eingesetzt worden war. Russland und Deutschland einigten sich schnell auf die Minsker Vereinbarungen, nach denen die beiden abtr\u00fcnnigen Regionen (Donezk und Lugansk) Teil der Ukraine bleiben sollten, jedoch mit lokaler Autonomie, nach dem Vorbild der lokalen Autonomie der ethnisch-deutschen Region S\u00fcdtirol in Italien. Minsk II, das vom UN-Sicherheitsrat unterst\u00fctzt wurde, h\u00e4tte den Konflikt beenden k\u00f6nnen, aber die Regierung in Kiew entschied sich mit Unterst\u00fctzung Washingtons, die Autonomie nicht umzusetzen. Das Scheitern der Umsetzung von Minsk II hat die Diplomatie zwischen Russland und dem Westen vergiftet.<\/p>\n<h4><strong>Milit\u00e4rische Aufr\u00fcstung der Ukraine durch die USA und B\u00fcrgerkrieg im Donbass<\/strong><\/h4>\n<p>Sechstens haben die Vereinigten Staaten die ukrainische Armee (aktiv plus Reserve) bis 2020 stetig auf rund eine Million Soldaten aufgestockt. Die Ukraine und ihre rechten paramilit\u00e4rischen Bataillone (wie das Asow-Bataillon und der Rechte Sektor) f\u00fchrten wiederholte Angriffe auf die beiden abtr\u00fcnnigen Regionen durch, wobei Tausende von Zivilisten im Donbass durch den Beschuss der Ukraine get\u00f6tet wurden.<\/p>\n<h4><strong>Vorschlag Russlands f\u00fcr ein Sicherheitsabkommen mit den USA<\/strong><\/h4>\n<p>Siebtens: Ende 2021 legte Russland einen Entwurf eines russisch-amerikanischen Sicherheitsabkommens [<a href=\"#note17\"><strong>17<\/strong><\/a>] vor, das vor allem ein Ende der NATO-Erweiterung forderte. Die Vereinigten Staaten lehnten die Forderung Russlands ab, die NATO-Osterweiterung zu beenden, und bekr\u00e4ftigten die NATO-Politik der \u201eoffenen T\u00fcr\u201c. Danach h\u00e4tten Drittl\u00e4nder wie Russland bei der NATO-Erweiterung kein Mitspracherecht. Die USA und europ\u00e4ische L\u00e4nder bekr\u00e4ftigten wiederholt die zuk\u00fcnftige Mitgliedschaft der Ukraine in der NATO.<\/p>\n<p>Berichten zufolge soll der US-Au\u00dfenminister dem russischen Au\u00dfenminister im Januar 2022 auch mitgeteilt haben, dass die Vereinigten Staaten sich trotz der Einw\u00e4nde Russlands das Recht vorbehalten, Mittelstreckenraketen in der Ukraine zu stationieren [<a href=\"#note18\"><strong>18<\/strong><\/a>].<\/p>\n<h4><strong>Istanbuler Friedensverhandlungen direkt nach der russischen Invasion<\/strong><\/h4>\n<p>Achtens: Nach der russischen Invasion am 24. Februar 2022 stimmte die Ukraine schnell Friedensverhandlungen zu, die auf einer R\u00fcckkehr zur Neutralit\u00e4t basierten. Diese Verhandlungen fanden in Istanbul unter Vermittlung der T\u00fcrkei statt.<\/p>\n<p>Ende M\u00e4rz 2022 hatten Russland und die Ukraine ein gemeinsames Memorandum ver\u00f6ffentlicht, in dem sie \u00fcber die Fortschritte bei einem Friedensabkommen berichteten. Am 15. April wurde ein Abkommensentwurf [<a href=\"#note19\"><strong>19<\/strong><\/a>] vorgelegt, der einer Gesamtl\u00f6sung nahekam. Zu diesem Zeitpunkt intervenierten die Vereinigten Staaten jedoch und teilten den Ukrainern mit, dass sie das Friedensabkommen nicht unterst\u00fctzen w\u00fcrden, sondern stattdessen die Ukraine bei der Fortsetzung des Krieges unterst\u00fctzen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 id=\"Sprung_Teil2\"><strong>Teil 2: Die hohen Kosten einer verfehlten Au\u00dfenpolitik<\/strong><\/h2>\n<p>Russland hat bisher keine territorialen Anspr\u00fcche gegen westeurop\u00e4ische L\u00e4nder erhoben, noch hat Russland Westeuropa bedroht, abgesehen von dem Recht, Vergeltung f\u00fcr vom Westen unterst\u00fctzte Raketenangriffe innerhalb Russlands zu \u00fcben.<\/p>\n<p>Bis zum Putsch auf dem Maidan 2014 hatte Russland auch keine Gebietsanspr\u00fcche gegen\u00fcber der Ukraine gestellt. Nach dem Putsch von 2014 und bis Ende 2022 war Russlands einzige territoriale Forderung die Krim, um zu verhindern, dass der russische Marinest\u00fctzpunkt in Sewastopol in westliche H\u00e4nde f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Erst nach dem Scheitern des Friedensprozesses in Istanbul \u2013 der von den Vereinigten Staaten torpediert wurde \u2013 hat Russland die Annexion der vier ukrainischen Oblaste (Donezk, Lugansk, Cherson und Saporischschja) beansprucht. Russlands erkl\u00e4rte territoriale Kriegsziele sind bis heute begrenzt. Dar\u00fcber hinaus fordert Russland die Neutralit\u00e4t der Ukraine und deren teilweise Entmilitarisierung, die dauerhafte Nicht-NATO-Mitgliedschaft und die \u00dcbergabe der Krim und der vier Oblaste an Russland, die 1991 etwa 19 Prozent des ukrainischen Territoriums ausmachten.<\/p>\n<p><strong>Das ist kein Beweis f\u00fcr einen russischen Imperialismus nach Westen. Es sind auch keine unprovozierten Forderungen. Russlands Kriegsziele folgen auf mehr als 30 Jahre russischer Einw\u00e4nde gegen die Osterweiterung der NATO, die Aufr\u00fcstung der Ukraine, die Aufgabe des amerikanischen Rahmenwerks f\u00fcr Atomwaffen und die tiefgreifende Einmischung des Westens in die Innenpolitik der Ukraine, einschlie\u00dflich der Unterst\u00fctzung eines gewaltsamen Putsches im Jahr 2014, der die NATO und Russland auf direkten Konfrontationskurs brachte.<\/strong><\/p>\n<p>Europa hat sich daf\u00fcr entschieden, die Ereignisse der letzten 30 Jahre als Beleg f\u00fcr Russlands unerbittlichen und unverbesserlichen Expansionismus nach Westen anzusehen \u2013 so wie der Westen darauf bestand, dass die Sowjetunion allein f\u00fcr den Kalten Krieg verantwortlich gewesen ist, w\u00e4hrend die Sowjetunion in Wirklichkeit durch die Neutralit\u00e4t, Vereinigung und Entwaffnung Deutschlands immer wieder einen Weg zum Frieden gewiesen hat.<\/p>\n<p>Wie schon w\u00e4hrend des Kalten Krieges hat sich der Westen daf\u00fcr entschieden, Russland zu provozieren, anstatt die v\u00f6llig verst\u00e4ndlichen Sicherheitsbedenken Russlands anzuerkennen.<\/p>\n<p>Jede der russischen Aktionen wurde als Zeichen maximaler russischer Perfidie interpretiert, ohne die russische Seite der Debatte anzuerkennen. Dies ist ein anschauliches Beispiel f\u00fcr das klassische Sicherheitsdilemma, in dem die Beteiligten v\u00f6llig aneinander vorbeireden, das Schlimmste gegenseitig annehmen und aggressiv auf ihre fehlerhaften Annahmen reagieren.<\/p>\n<p>Die Entscheidung Europas, den Kalten Krieg und die Zeit nach dem Kalten Krieg aus dieser stark voreingenommenen Perspektive zu interpretieren, ist Europa enorm teuer zu stehen gekommen, und die Kosten werden weiter steigen. Vor allem aber betrachtet sich Europa in Bezug auf seine Sicherheit als v\u00f6llig abh\u00e4ngig von den Vereinigten Staaten.<\/p>\n<p><strong>Wenn Russland tats\u00e4chlich unverbesserlich expansionistisch w\u00e4re, dann w\u00e4ren die Vereinigten Staaten wirklich Europas notwendiger Retter. Wenn das Verhalten Russlands im Gegensatz dazu jedoch tats\u00e4chlich seine eigenen Sicherheitsbedenken widerspiegeln w\u00fcrde, dann h\u00e4tte der Kalte Krieg nach dem \u00f6sterreichischen Neutralit\u00e4tsmodell h\u00f6chstwahrscheinlich schon Jahrzehnte fr\u00fcher enden k\u00f6nnen, und die Zeit nach dem Kalten Krieg h\u00e4tte eine Zeit des Friedens und des wachsenden Vertrauens zwischen Russland und Europa gewesen sein k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p>Denn Europa und Russland erg\u00e4nzen sich als Volkswirtschaften, wobei Russland reich an Prim\u00e4rrohstoffen (Landwirtschaft, Mineralien, Kohlenwasserstoffe) und Maschinenbau ist, w\u00e4hrend Europa die Heimat energieintensiver Industrien und wichtiger Hochtechnologien ist. Die Vereinigten Staaten haben sich lange gegen die wachsenden Handelsbeziehungen zwischen Europa und Russland ausgesprochen, die sich aus dieser nat\u00fcrlichen Komplementarit\u00e4t ergaben, und betrachten die russische Energieindustrie als Konkurrenz zum US-Energiesektor und generell die engen deutsch-russischen Handels- und Investitionsbeziehungen als Bedrohung f\u00fcr die politische und wirtschaftliche Vorherrschaft Amerikas in Westeuropa.<\/p>\n<p>Aus diesen Gr\u00fcnden haben sich die Vereinigten Staaten schon lange vor dem Konflikt um die Ukraine gegen die Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 ausgesprochen. Deshalb hat Joe Biden ausdr\u00fccklich versprochen, Nord Stream 2 \u2013 wie es geschehen ist \u2013 im Falle einer russischen Invasion in der Ukraine zu beenden. Der Widerstand der USA gegen Nord Stream und gegen die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen beruht auf allgemeinen Prinzipien: Die EU und Russland sollten auf Distanz gehalten werden, damit die Vereinigten Staaten nicht ihren Einfluss in Europa verlieren.<\/p>\n<p><strong>Der Ukraine-Krieg und der Bruch Europas mit Russland haben der europ\u00e4ischen Wirtschaft gro\u00dfen Schaden zugef\u00fcgt. Die europ\u00e4ischen Exporte nach Russland sind von rund 90 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf nur noch 30 Milliarden Euro im Jahr 2024 gesunken. Die Energiekosten sind in die H\u00f6he geschnellt, da Europa von billigem russischen Pipeline-Erdgas auf US-Fl\u00fcssigerdgas umgestiegen ist, das um ein Vielfaches teurer ist. Deutschlands Industrie ist seit 2020 um rund zehn Prozent geschrumpft, und sowohl die deutsche Chemiebranche als auch die Automobilbranche sind angeschlagen. Der IWF [<a href=\"#note20\">20<\/a>] prognostizierte f\u00fcr die EU ein Wirtschaftswachstum von nur ein Prozent im Jahr 2025 und rund 1,5 Prozent f\u00fcr den Rest des Jahrzehnts.<\/strong><\/p>\n<p>Bundeskanzler Friedrich Merz hat ein dauerhaftes Verbot der Wiederaufnahme der Nord-Stream-Gasfl\u00fcsse gefordert, aber das ist fast ein wirtschaftlicher Selbstmordpakt f\u00fcr Deutschland. Er basiert auf Merz\u2019 Ansicht, dass Russland einen Krieg mit Deutschland anstrebt, aber Tatsache ist, dass Deutschland einen Krieg mit Russland provoziert, indem es Kriegstreiberei und eine massive milit\u00e4rische Aufr\u00fcstung betreibt.<\/p>\n<p>Merz zufolge \u201eist eine realistische Sicht auf Russlands imperialistische Bestrebungen erforderlich\u201c. Er stellt fest, dass \u201eein Teil unserer Gesellschaft eine tief verwurzelte Angst vor Krieg hat. Ich teile diese Ansicht nicht, aber ich kann es verstehen.\u201d<\/p>\n<p>Am alarmierendsten ist, dass Merz erkl\u00e4rt hat, dass \u201edie Mittel der Diplomatie ersch\u00f6pft sind\u201c, obwohl er offenbar seit seinem Amtsantritt nicht einmal versucht hat, mit dem russischen Pr\u00e4sidenten Wladimir Putin zu sprechen. Dar\u00fcber hinaus scheint er absichtlich blind f\u00fcr den Beinahe-Erfolg der Diplomatie im Jahr 2022 im Istanbul-Prozess zu sein \u2013 das hei\u00dft, bevor die Vereinigten Staaten der Diplomatie ein Ende setzten.<\/p>\n<p>Die westliche Herangehensweise an China ist ein Spiegelbild des Umgangs mit Russland. Der Westen unterstellt China oft sch\u00e4ndliche Absichten, die in vielerlei Hinsicht Projektionen seiner eigenen feindseligen Absichten gegen\u00fcber der Volksrepublik sind.<\/p>\n<p>Chinas rasanter Aufstieg zur wirtschaftlichen Vormachtstellung in den Jahren 1980 bis 2010 veranlasste amerikanische F\u00fchrer und Strategen, Chinas weiteren wirtschaftlichen Aufstieg als gegens\u00e4tzlich zu den US-Interessen zu betrachten. Im Jahr 2015 erkl\u00e4rten die US-Strategen Robert Blackwill und Ashley Tellis [<a href=\"#note21\">21<\/a>] klar, dass das wichtigste strategische Ziel der USA die Aufrechterhaltung der amerikanischen Hegemonie sei und dass China aufgrund seiner Gr\u00f6\u00dfe und seines Erfolgs eine Bedrohung f\u00fcr US-Hegemonie darstelle.<\/p>\n<p>Blackwill und Tellis bef\u00fcrworteten eine Reihe von Ma\u00dfnahmen der Vereinigten Staaten und ihrer Verb\u00fcndeten, um Chinas zuk\u00fcnftigen wirtschaftlichen Erfolg zu behindern, wie z.B. den Ausschluss Chinas aus neuen Handelsbl\u00f6cken im asiatisch-pazifischen Raum, die Beschr\u00e4nkung des Exports westlicher Hochtechnologieg\u00fcter nach China, die Verh\u00e4ngung von Z\u00f6llen und anderen Beschr\u00e4nkungen f\u00fcr Chinas Exporte und andere antichinesische Ma\u00dfnahmen. Es ist zu beachten, dass diese Ma\u00dfnahmen nicht wegen spezifischen Unrechts empfohlen wurden, das China begangen h\u00e4tte, sondern weil Chinas anhaltendes Wirtschaftswachstum nach Ansicht der Autoren dem amerikanischen Primat zuwiderlaufe.<\/p>\n<p><strong>Teil der Au\u00dfenpolitik sowohl gegen\u00fcber Russland als auch gegen\u00fcber China ist ein Medienkrieg, um diese angeblichen Feinde des Westens zu diskreditieren. Im Falle Chinas hat der Westen es so dargestellt, als begehe China einen V\u00f6lkermord in der Provinz Xinjiang an der uigurischen Bev\u00f6lkerung. Diese absurde und aufgebauschte Anschuldigung wurde ohne jeden ernsthaften Versuch, Beweise zu finden [<a href=\"#note22\">22<\/a>], erhoben, w\u00e4hrend der Westen im Allgemeinen die Augen vor dem tats\u00e4chlich anhaltenden V\u00f6lkermord an Zehntausenden von Pal\u00e4stinensern in Gaza durch seinen Verb\u00fcndeten Israel verschlie\u00dft.<\/strong><\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus enth\u00e4lt die westliche Propaganda eine Vielzahl absurder Behauptungen \u00fcber die chinesische Wirtschaft. Chinas \u00e4u\u00dferst wertvolle \u201eBelt and Road\u201c-Initiative, die Entwicklungsl\u00e4ndern Finanzmittel f\u00fcr den Aufbau moderner Infrastruktur zur Verf\u00fcgung stellt, wird als \u201eSchuldenfalle\u201c verspottet. Chinas bemerkenswerte F\u00e4higkeit, gr\u00fcne Technologien wie Solarmodule zu produzieren, die die Welt dringend ben\u00f6tigt, wird vom Westen als \u201e\u00dcberkapazit\u00e4t\u201c verh\u00f6hnt, die abgebaut oder abgeschaltet werden sollte.<\/p>\n<p>Auf der milit\u00e4rischen Seite wird ein Sicherheitsdilemma gegen\u00fcber China auf die bedrohlichste Weise betrieben, genau wie im Falle Russlands. Die Vereinigten Staaten haben seit langer Zeit ihre F\u00e4higkeit ger\u00fchmt, Chinas lebenswichtige Seewege zu st\u00f6ren, bezeichnen China dann aber als militaristisch, wenn die Chinesen als Reaktion darauf Schritte unternehmen, um ihre eigenen Marinekapazit\u00e4ten auszubauen.<\/p>\n<p>Anstatt Chinas milit\u00e4rische Aufr\u00fcstung als klassisches Sicherheitsdilemma zu betrachten, das durch Diplomatie gel\u00f6st werden sollte, erkl\u00e4rt die US-Marine, dass sie sich auf einen Krieg mit China bis 2027 vorbereiten sollte. Die NATO ruft zunehmend zu einem aktiven Engagement in Ostasien auf, das sich gegen China richtet. Die europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten der Vereinigten Staaten stimmen im Allgemeinen mit der aggressiven amerikanischen Haltung gegen\u00fcber China \u00fcberein, sowohl in Bezug auf den Handel als auch auf die Milit\u00e4rpolitik.<\/p>\n<h4><strong>Eine neue Au\u00dfenpolitik f\u00fcr Europa<\/strong><\/h4>\n<p>Die EU hat sich selbst in eine Ecke gedr\u00e4ngt und sich den Vereinigten Staaten unterworfen. Sie hat sich der direkten Diplomatie mit Russland widersetzt, ihren wirtschaftlichen Vorsprung durch Sanktionen und Kriege verloren, sich zu massiven und unbezahlbaren Erh\u00f6hungen der Milit\u00e4rausgaben verpflichtet und die langfristigen Handels- und Investitionsbeziehungen sowohl mit Russland als auch mit China abgebrochen.<\/p>\n<p><strong>Die Folge sind steigende Schulden, wirtschaftliche Stagnation und ein wachsendes Risiko eines gro\u00dfen Krieges, das Merz offenbar nicht erschreckt, aber den Rest von uns in Angst und Schrecken versetzen sollte. Vielleicht ist ein Krieg nicht mit Russland, sondern mit den Vereinigten Staaten am wahrscheinlichsten, die unter Trump damit drohen, Gr\u00f6nland zu erobern, wenn D\u00e4nemark Gr\u00f6nland nicht einfach verkaufen oder unter Washingtons Souver\u00e4nit\u00e4t stellen w\u00fcrde.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist gut m\u00f6glich, dass Europa dann ohne wirkliche Freunde dastehen wird: weder Russland noch China, aber auch nicht die Vereinigten Staaten, die arabischen Staaten (die ver\u00e4rgert sind \u00fcber Europas blinde Augen gegen\u00fcber Israels V\u00f6lkermord), Afrika (das immer noch unter dem europ\u00e4ischen Kolonialismus und Postkolonialismus leidet) und Regionen dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n<p><strong>Es gibt nat\u00fcrlich einen anderen Weg \u2013 in der Tat einen sehr vielversprechenden, wenn europ\u00e4ische Politiker die wahren Sicherheitsinteressen und -risiken Europas neu bewerten und die Diplomatie wieder in den Mittelpunkt der europ\u00e4ischen Au\u00dfenpolitik r\u00fccken.<\/strong><\/p>\n<p>Ich schlage zehn praktische Schritte vor, um zu einer Au\u00dfenpolitik zu gelangen, die die wahren Bed\u00fcrfnisse Europas widerspiegelt.<\/p>\n<h4><strong>Direkte diplomatische Kontakte mit Moskau<\/strong><\/h4>\n<p>Erstens: Er\u00f6ffnen Sie wieder direkte diplomatische Kontakte mit Moskau. Das offensichtliche Versagen Europas, direkte Diplomatie mit Russland zu betreiben, ist verheerend. Europa glaubt vielleicht sogar seiner eigenen au\u00dfenpolitischen Propaganda, weil es vers\u00e4umt hat, die zentralen Fragen direkt mit seinem russischen Pendant zu besprechen.<\/p>\n<h4><strong>Verhandlungsfrieden mit Russland in der Ukraine auf dem Boden einer kollektiven europ\u00e4ischen Sicherheit<\/strong><\/h4>\n<p>Zweitens: Bereiten Sie einen Verhandlungsfrieden mit Russland in Bezug auf die Ukraine und die Zukunft der europ\u00e4ischen kollektiven Sicherheit vor. Am wichtigsten ist, dass Europa sich mit Russland darauf einigt, dass der Krieg auf der Grundlage einer festen und unwiderruflichen Verpflichtung beendet werden soll, dass sich die NATO nicht auf die Ukraine, Georgien oder andere Ziele im Osten ausdehnen wird. Dar\u00fcber hinaus sollte Europa einige pragmatische territoriale Ver\u00e4nderungen in der Ukraine zu Gunsten Russlands akzeptieren.<\/p>\n<h4><strong>Ablehnung einer Militarisierung der Beziehungen mit China und der US-Hegemonieanspr\u00fcche in Ostasien<\/strong><\/h4>\n<p>Drittens sollte Europa die Militarisierung seiner Beziehungen zu China ablehnen, indem es beispielsweise jede Rolle der NATO in Ostasien ausschlie\u00dft. China stellt absolut keine Bedrohung f\u00fcr die Sicherheit Europas dar, und Europa sollte aufh\u00f6ren, die amerikanischen Hegemonieanspr\u00fcche in Asien blind zu unterst\u00fctzen, die auch ohne Europas Unterst\u00fctzung gef\u00e4hrlich und wahnhaft genug sind. Im Gegenteil, Europa sollte seine Handels-, Investitions- und Klimakooperation mit China st\u00e4rken.<\/p>\n<h4><strong>F\u00fcr eine vern\u00fcnftige Diplomatie der EU-Institutionen<\/strong><\/h4>\n<p>Viertens sollte sich Europa f\u00fcr eine vern\u00fcnftige institutionelle Form der Diplomatie entscheiden. Der aktuelle Modus ist nicht funktionsf\u00e4hig. Der Hohe Vertreter der EU f\u00fcr Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik dient haupts\u00e4chlich als Sprachrohr f\u00fcr Russophobie, w\u00e4hrend die eigentliche Diplomatie auf hoher Ebene \u2013 soweit es sie gibt \u2013 verwirrend und abwechselnd von einzelnen europ\u00e4ischen Staats- und Regierungschefs, dem Hohen Vertreter der EU, dem Pr\u00e4sidenten der Europ\u00e4ischen Kommission, dem Pr\u00e4sidenten des Europ\u00e4ischen Rates oder einer anderen Kombination der oben genannten Institutionen geleitet wird. Kurz gesagt, niemand spricht klar f\u00fcr Europa, da es \u00fcberhaupt keine klare EU-Au\u00dfenpolitik gibt.<\/p>\n<h4><strong>EU-Au\u00dfenpolitik und europ\u00e4ische Verteidigung sollten von der NATO entkoppelt werden<\/strong><\/h4>\n<p>F\u00fcnftens sollte Europa anerkennen, dass die EU-Au\u00dfenpolitik von der NATO entkoppelt werden muss. Tats\u00e4chlich braucht Europa die NATO nicht, da Russland nicht im Begriff ist, in die EU einzumarschieren.<\/p>\n<p>Europa sollte in der Tat seine eigenen milit\u00e4rischen Kapazit\u00e4ten unabh\u00e4ngig von den Vereinigten Staaten aufbauen, aber zu weit niedrigeren Kosten als f\u00fcnf Prozent des BIP, was ein absurdes numerisches Ziel ist, das auf der v\u00f6llig \u00fcbertriebenen Einsch\u00e4tzung der russischen Bedrohung basiert. Dar\u00fcber hinaus sollte die europ\u00e4ische Verteidigung nicht dasselbe sein wie die europ\u00e4ische Au\u00dfenpolitik, auch wenn beide in der j\u00fcngsten Vergangenheit v\u00f6llig miteinander verwechselt wurden.<\/p>\n<h4><strong>Zusammenarbeit der EU bei der gr\u00fcnen, digitalen und verkehrstechnischen Modernisierung mit Russland, Indien und China<\/strong><\/h4>\n<p>Sechstens sollten die EU, Russland, Indien und China bei der gr\u00fcnen, digitalen und verkehrstechnischen Modernisierung des eurasischen Raums zusammenarbeiten. Die nachhaltige Entwicklung Eurasiens ist eine Win-win-win-win-Situation f\u00fcr die EU, Russland, Indien und China und kann nur durch eine friedliche Zusammenarbeit zwischen den vier eurasischen Gro\u00dfm\u00e4chten erfolgen.<\/p>\n<h4><strong>Gemeinsame Finanzierung der Infrastruktur in Nicht-EU-L\u00e4ndern<\/strong><\/h4>\n<p>Siebtens sollte Europas Global Gateway, der Finanzierungsarm f\u00fcr Infrastruktur in Nicht-EU-L\u00e4ndern, mit Chinas \u201eBelt and Road\u201d-Initiative zusammenarbeiten. Derzeit wird Global Gateway als Konkurrent zur BRI gehandelt. Tats\u00e4chlich sollten beide ihre Kr\u00e4fte b\u00fcndeln, um die gr\u00fcne Energie-, Digital- und Verkehrsinfrastruktur f\u00fcr Eurasien gemeinsam zu finanzieren.<\/p>\n<h4><strong>EU sollte die Finanzierung des europ\u00e4ischen Gr\u00fcnen Deals (EGD) verst\u00e4rken<\/strong><\/h4>\n<p>Achtens: Die Europ\u00e4ische Union sollte ihre Finanzierung des EGD verst\u00e4rken und den \u00dcbergang Europas zu einer kohlenstoffarmen Zukunft beschleunigen, anstatt f\u00fcnf Prozent des BIP f\u00fcr milit\u00e4rische Ausgaben zu verschwenden, was f\u00fcr Europa weder notwendig noch n\u00fctzlich ist.<\/p>\n<p>H\u00f6here Ausgaben f\u00fcr den EGD haben zwei Vorteile: Sie werden regionale und globale Vorteile f\u00fcr die Klimasicherheit bringen und die Wettbewerbsf\u00e4higkeit Europas im Hinblick auf die gr\u00fcnen und digitalen Technologien der Zukunft st\u00e4rken und damit ein neues, tragf\u00e4higes Wachstumsmodell f\u00fcr Europa schaffen.<\/p>\n<h4><strong>Enge Zusammenarbeit mit der Afrikanischen Union (AU) bei Bildung und Qualifizierung<\/strong><\/h4>\n<p>Neuntens: Die EU sollte sich mit der AU f\u00fcr eine massive Ausweitung der Bildung und des Kompetenzaufbaus durch die AU-Mitgliedstaaten einsetzen. Mit einer Bev\u00f6lkerung von 1,4 Milliarden, die bis zur Mitte des Jahrhunderts auf rund 2,5 Milliarden ansteigen wird, verglichen mit der Bev\u00f6lkerung der EU von rund 450 Millionen, wird die wirtschaftliche Zukunft Afrikas diejenige Europas tiefgreifend beeinflussen. Die beste Hoffnung f\u00fcr afrikanischen Wohlstand ist der rasche Aufbau von h\u00f6herer Bildung und Qualifizierung.<\/p>\n<h4><strong>Basis der k\u00fcnftigen Weltordnung nicht Hegemonie der USA, sondern Rechtsstaatlichkeit im Rahmen der UN-Charta<\/strong><\/h4>\n<p>Zehntens: Die EU und die BRICS-Staaten sollten den Vereinigten Staaten klar und deutlich sagen, dass die k\u00fcnftige Weltordnung nicht auf Hegemonie, sondern auf Rechtsstaatlichkeit im Rahmen der UN-Charta basieren sollte.<\/p>\n<p>Das ist der einzige Weg zu wahrer Sicherheit in Europa und in der Welt. Die Abh\u00e4ngigkeit von den USA und der NATO ist eine grausame Illusion, insbesondere angesichts der Instabilit\u00e4t der Vereinigten Staaten selbst. Im Gegensatz dazu k\u00f6nnten durch die St\u00e4rkung der UN-Charta Kriege beendet (z.B. durch die Beendigung der Straflosigkeit Israels und die Durchsetzung von IGH-Urteilen f\u00fcr die Zweistaatenl\u00f6sung) und zuk\u00fcnftige Konflikte k\u00f6nnten verhindert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Der \u00dcbersetzer: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?gastautor=klaus-dieter-kolenda-2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Klaus-Dieter Kolenda<\/strong><\/a>, Prof. Dr. med., Facharzt f\u00fcr Innere Medizin \u2013 Gastroenterologie, Facharzt f\u00fcr Physikalische und Rehabilitative Medizin\/Sozialmedizin, war von 1985 bis 2006 Chefarzt einer Rehabilitationsklinik f\u00fcr Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Atemwege, des Stoffwechsels und der Bewegungsorgane. Seit 1978 ist er als medizinischer Sachverst\u00e4ndiger bei der Sozialgerichtsbarkeit in Schleswig-Holstein t\u00e4tig. Zudem arbeitet er in der Kieler Gruppe der IPPNW e.V. (Internationale \u00c4rztinnen und \u00c4rzte f\u00fcr die Verh\u00fctung des Atomkriegs und f\u00fcr soziale Verantwortung) mit.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Anmerkungen:<\/h3>\n<p>[<strong id=\"note1\">1<\/strong>] <a href=\"https:\/\/www.jeffsachs.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">jeffsachs.org<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note2\">2<\/strong>] Jeffrey D. Sachs: A new Foreign Policy for Europe. JDS Website, August 2025<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.cirsd.org\/en\/horizons\/horizons-summer-2025--issue-no-31\/a-new-foreign-policy-for-europe\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">cirsd.org\/en\/horizons\/horizons-summer-2025\u2013issue-no-31\/a-new-foreign-policy-for-europe<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note3\">3<\/strong>] <a href=\"https:\/\/www.counterpunch.org\/2019\/08\/26\/the-hitler-stalin-pact-of-august-23-1939-myth-and-reality\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">counterpunch.org\/2019\/08\/26\/the-hitler-stalin-pact-of-august-23-1939-myth-and-reality\/<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note4\">4<\/strong>] <a href=\"https:\/\/www.bbc.co.uk\/bitesize\/guides\/zvkn8xs\/revision\/9\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bbc.co.uk\/bitesize\/guides\/zvkn8xs\/revision\/9<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note5\">5<\/strong>] <a href=\"https:\/\/mzv.gov.cz\/file\/198471\/Potsdam1111.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mzv.gov.cz\/file\/198471\/Potsdam1111.pdf<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note6\">6<\/strong>] <a href=\"https:\/\/www.nationalarchives.gov.uk\/education\/resources\/cold-war-on-file\/operation-unthinkable\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">nationalarchives.gov.uk\/education\/resources\/cold-war-on-file\/operation-unthinkable\/<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note7\">7<\/strong>] <a href=\"https:\/\/www.cvce.eu\/en\/recherche\/unit-content\/-\/unit\/02bb76df-d066-4c08-a58a-d4686a3e68ff\/19940f1c-07c9-41b6-a443-0f0b74c15042\/Resources#c6db3995-9fb6-43c8-9d21-293dc0478853_en&amp;overlay\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">cvce.eu\/en\/recherche\/unit-content\/-\/unit\/02bb76df-d066-4c08-a58a-d4686a3e68ff\/19940f1c-07c9-41b6-a443-0f0b74c15042\/Resources#c6db3995-9fb6-43c8-9d21-293dc0478853_en&amp;overlay<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note8\">8<\/strong>] <a href=\"https:\/\/www.bbc.co.uk\/programmes\/p00h9lk5\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bbc.co.uk\/programmes\/p00h9lk5<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note9\">9<\/strong>] <a href=\"https:\/\/nsarchive.gwu.edu\/briefing-book\/russia-programs\/2017-12-12\/nato-expansion-what-gorbachev-heard-western-leaders-early\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">nsarchive.gwu.edu\/briefing-book\/russia-programs\/2017-12-12\/nato-expansion-what-gorbachev-heard-western-leaders-early<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note10\">10<\/strong>] <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2024\/02\/24\/world\/europe\/ukraine-russia-invasion-anniversary.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">nytimes.com\/2024\/02\/24\/world\/europe\/ukraine-russia-invasion-anniversary.html<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note11\">11<\/strong>] <a href=\"https:\/\/blogs.lse.ac.uk\/europpblog\/2022\/03\/30\/why-the-us-and-nato-have-long-wanted-russia-to-attack-ukraine\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">blogs.lse.ac.uk\/europpblog\/2022\/03\/30\/why-the-us-and-nato-have-long-wanted-russia-to-attack-ukraine\/<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note12\">12<\/strong>] <a href=\"https:\/\/consortiumnews.com\/2022\/03\/27\/can-russia-escape-the-us-trap\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">consortiumnews.com\/2022\/03\/27\/can-russia-escape-the-us-trap\/<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note13\">13<\/strong>] <a href=\"https:\/\/ua.usembassy.gov\/secretary-antony-j-blinken-and-secretary-lloyd-austin-remarks-to-traveling-press\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ua.usembassy.gov\/secretary-antony-j-blinken-and-secretary-lloyd-austin-remarks-to-traveling-press\/<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note14\">14<\/strong>] <a href=\"https:\/\/johnmenadue.com\/post\/2024\/05\/world-war-three-and-the-grand-chessboard\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">johnmenadue.com\/post\/2024\/05\/world-war-three-and-the-grand-chessboard\/<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note15\">15<\/strong>] <a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/Hubris-American-Origins-Russias-against\/dp\/0674299078\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">amazon.com\/Hubris-American-Origins-Russias-against\/dp\/0674299078<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note16\">16<\/strong>] <a href=\"https:\/\/wikileaks.org\/plusd\/cables\/08MOSCOW265_a.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">wikileaks.org\/plusd\/cables\/08MOSCOW265_a.html<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note17\">17<\/strong>] <a href=\"https:\/\/washington.mid.ru\/en\/press-centre\/news\/draft_agreements_on_security_guarantees\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">washington.mid.ru\/en\/press-centre\/news\/draft_agreements_on_security_guarantees\/<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note18\">18<\/strong>] <a href=\"https:\/\/consortiumnews.com\/2024\/05\/17\/ray-mcgovern-russia-china-two-against-one\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">consortiumnews.com\/2024\/05\/17\/ray-mcgovern-russia-china-two-against-one\/<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note19\">19<\/strong>] <a href=\"https:\/\/static01.nyt.com\/newsgraphics\/documenttools\/a456d6dd8e27e830\/e279a252-full.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">static01.nyt.com\/newsgraphics\/documenttools\/a456d6dd8e27e830\/e279a252-full.pdf<\/a><\/p>\n<div class=\"footnote\">\n<p>[<strong id=\"note20\">20<\/strong>] <a href=\"https:\/\/www.imf.org\/external\/datamapper\/NGDP_RPCH@WEO\/EU\/EURO\/EUQ\/IDN\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">imf.org\/external\/datamapper\/NGDP_RPCH@WEO\/EU\/EURO\/EUQ\/IDN<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note21\">21<\/strong>] <a href=\"https:\/\/www.cfr.org\/report\/revising-us-grand-strategy-toward-china\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">cfr.org\/report\/revising-us-grand-strategy-toward-china<\/a><\/p>\n<p>[<strong id=\"note22\">22<\/strong>] <a href=\"https:\/\/www.project-syndicate.org\/commentary\/biden-should-withdraw-unjustified-xinjiang-genocide-allegation-by-jeffrey-d-sachs-and-william-schabas-2021-04\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">project-syndicate.org\/commentary\/biden-should-withdraw-unjustified-xinjiang-genocide-allegation-by-jeffrey-d-sachs-and-william-schabas-2021-04<\/a><\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Siehe auch:<\/h3>\n<ul>\n<li>\n<h4><strong>Eine neue Au\u00dfenpolitik f\u00fcr Europa &#8211; Glenn Diesen im Interview mit Jeffrey Sachs (29.08.2025):\u00a0<\/strong><\/h4>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/1XRtVanMzm8?si=avrMpI_iDr89X3Ju\" width=\"450\" height=\"253\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Original-Video:\u00a0<strong><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1XRtVanMzm8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jeffrey Sachs: Europe\u2019s Disastrous Foreign Policy<\/a><\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>\n<h4><strong>Die 200 Jahre alte L\u00fcge, die uns in den Atomkrieg treibt &#8211; <\/strong><strong>Pascal Lottaz im Interview mit Jeffrey Sachs (10.09.2025)<\/strong><strong>:\u00a0<\/strong><\/h4>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/8DaSqXlvzbA?si=9bbhfwsyxEe_DmP6\" width=\"450\" height=\"253\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><span style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" data-mce-type=\"bookmark\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><\/iframe><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Original-Video:\u00a0<strong><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Nhmkua-KbTg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jeffrey Sachs: The 200-Year-Old Lie Pushing Us Towards Nuclear War <\/a><\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>\n<h4><strong>Nochmal in K\u00fcrze: Jeffrey Sachs erkl\u00e4rt den Ukraine-Krieg in 2 Minuten:<\/strong><\/h4>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/XRJdxwZwAXA?si=X5bCkWN2jrTX1UHy\" width=\"450\" height=\"253\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Das komplette Video der Veranstaltung am 22. Oktober 2024 an der Universit\u00e4t Cambridge: <strong><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=0Bl6_MAhg_4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jeffrey Sachs + Q&amp;A Cambridge Union (auf englisch)<\/a><\/strong><\/p>\n<article id=\"content\">\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/?p=2467#Sprung_Alarmstufe_Rot_allinsummit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Jeffrey Sachs und John Mearsheimer beim All-In-Summit in New York am 16. September 2024<\/strong><\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<h6>Bild(er): Jeffrey Sachs at 2012 International AIDS Conference, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license<\/h6>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Jeffrey D. Sachs, aus dem Englischen \u00fcbersetzt von Klaus-Dieter Kolenda (mit freundlicher \u00dcbernahme von den NachDenkSeiten) In diesem umfangreichen Essay entwirft Jeffrey Sachs die Grundz\u00fcge f\u00fcr eine neue, friedliche und nachhaltige Au\u00dfenpolitik f\u00fcr die EU. Im ersten Teil analysiert und korrigiert er zun\u00e4chst die irrigen Pr\u00e4missen, die dem gegenw\u00e4rtigen Kurs zugrunde liegen. 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