{"id":4269,"date":"2025-08-15T15:55:27","date_gmt":"2025-08-15T13:55:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/?p=4269"},"modified":"2025-12-07T17:08:12","modified_gmt":"2025-12-07T16:08:12","slug":"der-thermonukleare-doppelabwurf-von1945-verlauf-tendenzen-probleme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/?p=4269","title":{"rendered":"Der thermonukleare Doppelabwurf von1945: Verlauf, Tendenzen, Probleme"},"content":{"rendered":"<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"4272\" data-permalink=\"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/?attachment_id=4272\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Yap_yu_re_next_2.png?fit=505%2C450&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"505,450\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Yap_yu_re_next_2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Yap_yu_re_next_2.png?fit=300%2C267&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Yap_yu_re_next_2.png?fit=312%2C278&amp;ssl=1\" class=\"alignnone size-full wp-image-4272\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Yap_yu_re_next_2.png?resize=505%2C450&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"505\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Yap_yu_re_next_2.png?w=505&amp;ssl=1 505w, https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Yap_yu_re_next_2.png?resize=300%2C267&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Yap_yu_re_next_2.png?resize=312%2C278&amp;ssl=1 312w\" sizes=\"auto, (max-width: 505px) 100vw, 505px\" \/><\/p>\n<h3>\u00dcberlegungen zum 80. Jahrestag\u00a0des mit dem Doppelabwurf einsetzenden atomaren Zeitalters<\/h3>\n<p><em><strong>Von<\/strong> <strong>Bernhard H. F. Taureck\u00a0<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Erstver\u00f6ffentlichung am 21.06.2025 auf der Seite des <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=22198\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Deutschen Freidenker-Verbandes<\/a><\/p>\n<h4>Prolog: Die Unglaubw\u00fcrdigkeit der UNO<\/h4>\n<p>Am 26. Juni 1945 wurde in San Francisco die UNO gegr\u00fcndet. Zu ihren Zielen geh\u00f6rt die Bewahrung der Menschen vor der <em>Geisel des Krieges<\/em>. Auf Betreiben der USA und Gro\u00dfbritanniens kam es zur Bildung der Vereinten Nationen. Sechs Wochen sp\u00e4ter explodierten zwei Atombomben nicht \u00fcber milit\u00e4rischen, sondern \u00fcber zivilen Zielen in Japan, das sich mit den USA in einem Krieg befand, der etwa 3 Millionen japanische Opfer gesch\u00e4tzte 500.000 alliierte Soldaten forderte. Bevor diese Bomben explodierten, war Japan zuvor milit\u00e4risch kampfunf\u00e4hig geworden.<\/p>\n<p>Mit dem Einsatz dieser nuklearen Waffen begann eine andere Zeitrechnung insofern, als k\u00fcnftige Konflikte stets im Schatten einer Ausl\u00f6schung der Menschheit standen, stehen und stehen werden. Der hellsichtige Autor G\u00fcnther Anders urteilte sinngem\u00e4\u00df, dass nunmehr Geschichte im Schatten einer Apokalypse stehen wird, f\u00fcr die jedoch die Menschen blind sein werden.<\/p>\n<p>Der Doppelabwurf wirft ebenso einen Schatten auf die soeben gegr\u00fcndeten Vereinten Nationen. Ein internationales Friedensabkommen wurde geschlossen und bereits sechs Wochen sp\u00e4ter erscheint das Gespenst einer milit\u00e4risch verursachten globalen Apokalypse. Verursacher waren die USA, die soeben, zusammen mit Gro\u00dfbritannien, die Atalantikcharta und dann die Vereinten Nationen gegr\u00fcndet hatten. Kann man der UNO deshalb noch vertrauen?<\/p>\n<p>Wer die UNO kennt, wei\u00df, dass sie als internationaler Friedensgarant, ihrem Anschein entgegen, nicht in Frage kommt. Dies h\u00e4ngt mit folgender Regelung zusammen: Die UNO erlaubt, dass jeder Staat das Recht hat, sich mit denselben Waffen zu verteidigen, mit denen er angegriffen wird. Daraus folgt, dass ein Atomwaffenangriff mit Atomwaffen beantwortet werden darf. Wenn dies jedoch der Fall ist, dann wird ein Atomkrieg nicht nur nicht ausgeschlossen. Vielmehr folgt aus den UNO-Satzung, dass er legitim geschieht.<\/p>\n<p>Ich werde das Gedenken an den thermonuklearen Doppelabwurf im Folgenden nutzen, etwas weiter auszuholen. Dabei m\u00f6chte ich den erstens Verlauf der Ereignisse in einen internationalen Kontext stellen, um zweitens Tendenzen dieses Verlaufs zu markieren. Drittens wird es um Probleme des Verlaufs gehen.<\/p>\n<h4>Der Verlauf<\/h4>\n<p>Japan war in der Neuzeit zwischen 1603 und 1854 ein Unicum. Der Staat isolierte sich total von anderen Staaten. Etwa 250 Jahre war Japan ganz mit sich selbst besch\u00e4ftigt. Niemand durfte ausreisen. Japanern, die fr\u00fcher ausgereist waren, wurde die R\u00fcckkehr verweigert. W\u00e4hrend dieser 250 Jahre herrschte gleichsam ein Goldenes Zeitalter nicht als mythologische, sondern als historische Zeit. \u00dcberall gab es allgemeinen Wohlstand, Frieden und politische Stabilit\u00e4t. Missionen des Christentums wurden als fremde Einmischung empfunden und verboten.<\/p>\n<p>1854 waren es die USA, die Japan unter Androhung von Gewalt zur \u00d6ffnung ihrer H\u00e4fen zwangen. Seither wurde der kleine Inselstaat allm\u00e4hlich internationaler Akteur. Daher nahm es auch auf der Seite der Alliierten am 1. Weltkrieg teil. Japan griff allm\u00e4hlich auf China zu, das nach der Abschaffung seiner Kaisermonarchie geschw\u00e4cht war. Insbesondere infolge der globalen Wirtschaftskrise von 1929 nahm das Milit\u00e4r eine politische Zentralstellung ein. F\u00fcrst Konoe Fumimaro verk\u00fcndigte einen Heiligen Krieg, der nicht nur Korea, China, Vietnam und Formosa, sondern auch Indochina und ansatzweise Australien betraf und einen japanischen Einflussbereich von 450 Millionen Menschen einschloss. Mit gro\u00dfer R\u00fccksichtslosigkeit ging das japanische Milit\u00e4r gegen China vor.<\/p>\n<p>1940 schloss Japan einen Pakt mit dem Dritten Reich (und Italien). Ziel war, Eurasien in einer deutschen und japanischen Zangenbewegung zu erobern. Die USA kamen in diesem Kalk\u00fcl nicht vor. Das \u00e4nderte sich, als am 7. Dezember 1941 Marine und Flugzeuge der Japaner den US-St\u00fctzpunkt Pearl Harbour auf Hawaii mit ausgemusterten US-Kriegsschiffen und dem Verlust von 2400 Menschen bombardierten. Es handelt sich um eine japanische Verzweiflungstat. Denn die USA waren l\u00e4ngst dabei, Japan von der Lieferung von Erd\u00f6l und weiteren Rohstoffen abzuschneiden. Dies war der erste Angriff auf das Gebiet der USA im 20. Jahrhundert. In der sp\u00e4teren und entscheidenden Schlacht von Okinawa starben zwischen dem 1. April bis Ende Juni 1945 110.000 Japaner und 12.000 Amerikaner. Die Amerikaner \u00e4scherten St\u00e4dte wie Tokyo, Yokohama und Osaka zu 65 % ein. Im Juli 1945 testeten die Amerikaner eine Atombombe als <em>Trinity<\/em>-Ereignis in New Mexico und berichteten, dass eine Munitionsfabrik explodiert sei. Japan lehnt eine bedingungslose Kapitulation ab.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Amerikaner bereiteten den nuklearen Doppelabwurf vor: F\u00fcr den Fall von Unf\u00e4llen r\u00fcsteten sie die Piloten mit Gift aus. Wie C. F. von Weizs\u00e4cker in einem bis heute unbeachtetem sp\u00e4teren Radiointerview berichtete, stieg wegen ung\u00fcnstiger Wetterverh\u00e4ltnisse in Tokyo ein japanisches Jagdflugzeug nicht auf, das die US-Bomber vor Hiroshima m\u00fchelos h\u00e4tte abschie\u00dfen k\u00f6nnen. Aus Sicherheitsgr\u00fcnden wurden die Atombomben erst w\u00e4hrend des Fluges zusammengeschraubt. Die beiden B29-Bomber starteten von der Insel Tinian, die etwa 2500 km s\u00fcdlich von Japan als Teil der Marianeninseln liegt. Die Amerikaner hatten diese Insel 1944 von den Japanern erobert und rasch zu dem gr\u00f6\u00dften Flughafen des Globus ausgebaut. Der Doppelabwurf erfolgte ohne Warnung und \u00fcber zivilem Gebiet. Die Bombe \u00fcber Nagasaki enthielt noch mehr Sprengkraft als die Hiroshimabombe. Doch infolge des h\u00fcgeligen Gel\u00e4ndes richtete sie weniger Schaden an als die Hiroshimabombe. Die Amerikaner hielten noch eine weitere Atombombe bereit. Doch Truman lie\u00df sie nicht abwerfen, um die beginnenden Friedensverhandlungen nicht zu st\u00f6ren. Auf der Stelle starben mehr als 100.000 Menschen in den beiden Opferst\u00e4dten. \u00dcber sp\u00e4tere Strahlentote gibt es lediglich Sch\u00e4tzungen. Die USA verh\u00e4ngten f\u00fcr einige Jahre eine Nachrichtensperre. Das japanische Volk sollte nichts von der Atombombe und der radioaktiven Strahlung wissen.<\/p>\n<p>Anders als in Deutschland wurde die japanische Regierung nicht abgesetzt, sondern blieb im Amt. Auch der japanische Kaiser blieb im Amt, obwohl es Bestrebungen gab, ihn zu erh\u00e4ngen. Auch fanden international besetzte Gerichtsverhandlungen statt und mehrfach wurde die Todesstrafe verh\u00e4ngt. Die japanische Bev\u00f6lkerung lie\u00df sich jedoch nicht davon beeindrucken und verstand diese Gerichtsverfahren als Siegerjustiz.<\/p>\n<p>Vergleichbar mit den R\u00f6mern gingen die USA mit den v\u00f6llig besiegten Feinden um. Erst wurden sie besiegt, dann wurden ihnen Privilegien bewilligt. In Japan durften nach 1945 die Frauen w\u00e4hlen, die bisher, \u00e4hnlich wie im antiken Griechenland, ein gesellschaftliches Schattendasein gef\u00fchrt hatten. Die USA folgten der r\u00f6mischen Logik: Erst Niederwerfung, dann Reprivilegierung. Noch heute br\u00fcsten sich die Amerikaner mit dem, was sie Deutschland und Japan nach ihrer vollst\u00e4ndigen Niederlage angedeihen lie\u00dfen und verkaufen es als gewaltt\u00e4tigen Regime change mit wohlt\u00e4tigen Wirkungen.<\/p>\n<h4>Tendenzen der Deutungen des Verlaufs<\/h4>\n<p>Unter Tendenzen verstehe ich Vorstellungen, was h\u00e4tte geschehen k\u00f6nnen, auch wenn es nicht ausgef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Aus meiner Sicht an erster Stelle steht eine <strong><em>theologische<\/em><\/strong> Deutung des Doppelabwurfs. Am Rande sei vermerkt, dass die atomaren Explosionen auch Maler faszinierten wie Dali, wie Lichtenstein oder wie Warhol. Doch die k\u00fcnstlerische Faszination der Bombe war nicht von Dauer.<\/p>\n<p>Truman gab eine theologische Bewertung nach dem Doppelabwurf der Atombomben in seiner Radioansprache vor:<\/p>\n<blockquote><p><em><strong>Wir danken Gott, dass er sie [die Atombombe] uns statt unseren Feinden zur Verf\u00fcgung stellte, auf dass Er uns leitet, sie nach Seinem Belieben und seinen Pl\u00e4nen einzusetzen.<\/strong> <\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Diese heute merkw\u00fcrdigerweise nicht mehr zitierte Bemerkung steht jedoch nicht allein, sondern best\u00e4tigt, dass die USA sich mit ihrer Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung von 1776 auf einen <em>H\u00f6chsten Weltrichter<\/em> (<em>Supreme Judge of the world<\/em>) und auf die <em>Besch\u00fctzung durch eine g\u00f6ttliche Vorsehung<\/em> (<em>the<\/em> <em>Protection of Divine Providence<\/em>) berufen. Daher war es folgerichtig, dass nicht die USA die Verantwortung f\u00fcr den Einsatz der Atombombe besa\u00dfen, sondern jene allm\u00e4chtige Gottheit, an deren Existenz die politischen Entscheider der USA offenbar glaubten. Zur gleichen Zeit urteilte Churchill, der Doppelabwurf sei das <em>Weltgericht<\/em>. Mit den japanischen Toten ereigne sich das J\u00fcngste Gericht.<\/p>\n<p>Wer sich mit US-Amerikanern unterh\u00e4lt, wird erfahren, dass dort h\u00e4ufig die Ansicht vertreten wird, man bejahe einen Atomkrieg. Denn er verk\u00fcrze die Wartezeit auf das J\u00fcngste Gericht. Dazu passt auch die Ansicht des evangelischen Bischofs Dibelius, er habe kaum Einw\u00e4nde gegen einen Atomkrieg, denn der bringe uns Gott n\u00e4her. Die theologische Deutung der thermonuklearen Waffe bildete eine Voraussetzung daf\u00fcr, dass die Atombombe sich menschlicher Verantwortung entzieht und dass ihr Einsatz nicht menschliche, sondern g\u00f6ttliche Gerechtigkeit ausdr\u00fcckt. Mit Atomwaffen zeige sich Gott als die gr\u00f6\u00dfte Macht der Menschengeschichte. Auch l\u00e4uft in den USA der Mythos um, dass am j\u00fcngsten Tage die Erde verbrennen wird, w\u00e4hrend die USA jedoch von den Flammen verschont werden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die theologische Deutung der Atombombe beruhte auf dem nuklearen US-Monopol. Es dauerte vier Jahre. Im Jahre 1949 explodierte die erste sowjetische Atombombe, die m\u00f6glich wurde durch die Spionaget\u00e4tigkeit von Klaus Fuchs. Das nukleare US-Monopol war dahin. Noch 1946 verw\u00fcsteten die Amerikaner das Bikini-Atoll. Doch bereits 1961 bewirkten die Sowjets die bisher gr\u00f6\u00dfte Nuklearexplosion mit einer Wasserstoffbombe, die 4000 mal st\u00e4rker war als die Sprengwirkung der nuklearen Hiroshimabombe.<\/p>\n<p>Nach dem Ende des nuklearen US-Monopols ging es nur noch um die Frage, wie man das Risiko eines thermonuklearen Krieges rational verringern k\u00f6nnte, w\u00e4hrend man gleichzeitig die atomare R\u00fcstung modernisierte und vergr\u00f6\u00dferte. Die theologische Rechtfertigung der Atombombe wich einer politischen.<\/p>\n<h4>Probleme des Verlaufs<\/h4>\n<p>Probleme betreffen alle Fragen, ob etwas sich so verh\u00e4lt, wie es erscheint. Ich beginne mit der Frage, wie der Doppelabwurf der Bomben aus der Sicht der US-Amerikaner gerechtfertigt wurde. Lange Zeit und noch heute wird einer mehrfachen Desinformation vertraut: Die Bomben haben den Amerikanern den Verlust von Soldaten erspart. Es wurde sogar eine v\u00f6llig unwahrscheinliche Zahl von 500.000 genannt. In jedem Fall f\u00fchrten die Amerikaner aus ihrer Sicht einen gerechten Krieg gegen die Japaner, die sie als gelbe Affen und als Halbmenschen verstanden. \u00c4hnlich wie Hitler, der einen Vernichtungskrieg gegen sowjetische Untermenschen f\u00fchrte, stand auch der pazifische Krieg unter rassistischen Wertungen.<\/p>\n<p>Nun bedeutet ein gerechter Krieg eine Strafaktion eines Staates gegen andere Staaten. In der Neuzeit hatte der italienische Jurist Alberico Gentili die Vorstellung eines gerechten Krieges begrifflich mit dem Gedanken neutralisiert, dass jede der Konfliktparteien einen gerechten Strafkrieg beanspruchen kann. Es entstehe dann ein <em>bellum iustum ex utraque parte<\/em>, <em>ein beidseitig gerechter Krieg<\/em>. Dann jedoch gibt es keine gemeinsame Gerechtigkeit mehr, in deren Namen ein Krieg stattfindet. Folglich kann es keinen gerechten Krieg geben, den ein Staat gegen andere f\u00fchrt. Doch die USA lassen bis heute nicht von der Vorstellung eines gerechten Krieges ab. Als Obama 2009 den Friedensnobelpreis erhielt, hat er auf dieser Vorstellung beharrt.<\/p>\n<p>Inzwischen wurde (von G. Alperovitz) nachgewiesen, dass der Doppelabwurf 1945 keineswegs der Verk\u00fcrzung der Kriegsdauer diente. Er besa\u00df einen geostrategischen Grund. Bei der Konferenz im Juli in Potsdam wurde Stalin nach Ablauf des Nichtangriffspaktes zwischen Russland und Japan am 8.8.1945 von den USA und Gro\u00dfbritannien freie Hand gegeben, die japanische Besetzung der chinesischen Mandschurei milit\u00e4risch zu beenden. Stalin griff die Japaner daher in China an und besiegte sie. Mit dem erfolgreichen Trinity-Atombombentest fand vermutlich ein Sinneswandel in den USA statt. Stalin k\u00f6nnte ja auch gegen Japan siegreich werden. Das aber wollten die USA unter keinen Umst\u00e4nden. Es reichte ihnen, dass die Russen Berlin erobert hatten. Auch Gro\u00dfbritannien wurde der Zugriff auf Japan verwehrt. Also bleibt als Motiv des Doppelabwurfs \u00fcbrig, dass die USA eine \u00fcberm\u00e4chtige Kontrolle \u00fcber Japan f\u00fcr sich beanspruchten. \u00dcber 80.000 Japaner mussten auf der Stelle im atomaren Feuer sterben, um Stalin vor einem Zugriff auf Japan zu warnen. In seiner zitierten Radioansprache betonte Truman, dass nunmehr die USA die unangefochtene globale Supermacht seien.<\/p>\n<p>Seitens der USA nahm man nach 1945 das rassistische Vorurteil stillschweigend zur\u00fcck und sah die Japaner als unm\u00fcndige Kinder an. Jedoch wurde als weitere Motivation ein Rachemotiv artikuliert: Rache f\u00fcr Pearl Harbour. Wenn dies ein Motiv f\u00fcr einen gerechten Krieg z\u00e4hlt, so scheint sich noch nicht \u00fcberall herumgesprochen zu haben, dass die Amerikaner die Funkspr\u00fcche der Japaner abh\u00f6rten und daher vor dem Angriff gewarnt waren. In meiner Deutung entsteht der Eindruck, dass Roosevelt einen Grund suchte, um in den zweiten Weltkrieg einzutreten.<\/p>\n<p>Doch es sollte nicht darum gehen, einseitig Verhalten und Einstellungen der USA zu verurteilen. Denn erstens gab es erheblichen Einspruch amerikanischer Gener\u00e4le gegen den Doppelabwurf: Japan war faktisch besiegt und l\u00e4ngst vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt. Zwar gab es keine Gesten der Entschuldigung der USA gegen\u00fcber Japan. Doch die Amerikaner haben, zweitens, bewiesen, dass sie nicht mehr leichtfertig mit der thermonuklearen Waffe umgehen. Im Koreakrieg wurde Mac Arthur abgesetzt, als er den Einsatz von Atombomben forderte. Ebenso ging es General Westmoreland im Vietnamkrieg. Als die in Vietnam bedr\u00e4ngten Franzosen und der Niederlage in Dien Bien Phu 1954 um Atomwaffen baten, die erst ab 1958 eigene Atomwaffen besa\u00dfen (mit den sie andere, <em>schurkische<\/em> Staaten seit 2003 wiederholt bedrohen) lehnten die beiden Atomwaffenstaaten USA und Gro\u00dfbritannien dies strikt ab.<\/p>\n<p>Bevor ich verallgemeinere, m\u00f6chte ich noch auf drei merkw\u00fcrdige Ereignisse hinweisen. Erstens behaupteten die Japaner mit ihrer extremen Expansion, dass sie Ostasien vom westlichen Kolonialismus befreien wollten. Schufen sie einen japanischen Kolonialismus, um von dem europ\u00e4ischen zu befreien? Zweitens: Warum wurde Nagasaki drei Tage nach Hiroshima bombardiert, anstatt den Japanern die M\u00f6glichkeit zu geben, auf Hiroshima mit diplomatischen Mitteln zu reagieren? Drittens: Als der 1945 von Briten internierte Otto Hahn von Hiroshima erfuhr und dies mit dem Ausruf <em>entsetzlich<\/em> kommentierte, bemerkte ein britischer Offizier: <em>Der Tod von 100.000 Japanern ist ohne Interesse, wenn wir nur unsere Leute retten.<\/em><\/p>\n<h4>Ich versuche jetzt ein Res\u00fcmee in gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen:<\/h4>\n<ol>\n<li>Mit dem Doppelabwurf erfolgte ein irreversibler Riss in der Menschheitsgeschichte. Ihm ging allerdings ein infernalischer Kriegsakt der Japaner voraus. Sie warfen \u00fcber China Geschosse ab, die mit Pestbakterien infizierte Fl\u00f6he enthielten und von 1940 bis 1942 10.000 Todesopfer in Nordchina erzeugten. Dies wird bis heute in China nicht vergessen.<\/li>\n<li>Mit dem thermonuklearen Doppelabwurf begann eine nukleare Zeit. Sie bringt auch Atomkraftwerke, die nicht sicher, sondern lediglich abgesichert sind. Der radioaktive Abfall l\u00e4sst sich nirgendwo lagern. G\u00fcnther Anders bezeichnet Atomkraftwerke als <em>nukleare Zeitbomben mit unfestgelegtem Explosionstermin.<\/em><\/li>\n<li>Die atomare R\u00fcstung erzeugt ein Sicherheitsdilemma, aus dem es kein Entkommen gibt. Die R\u00fcstung des einen wird mit mehr erh\u00f6hter R\u00fcstung des Zweiten beantwortet und so fort.<\/li>\n<li>Ist es m\u00f6glich, Atomwaffen loszuwerden? Seitens der Sowjetunion wurde vorgeschlagen, sie zu verbieten und auf ihre Produktion zu verzichten. Die USA schlugen vor, alle Atomwaffen an die UNO abzugeben. Doch es geh\u00f6rt zum Arsenal naiver Gem\u00fcter, dass man sie loswird. Das tief verwurzelte und offenbar \u00fcber Generationen vererbte Misstrauen der politischen Entscheider spricht dagegen.<\/li>\n<li>Im Jahre 2018 haben die USA beschlossen, dass sie als erste k\u00fcnftig Atomwaffen einsetzen w\u00fcrden. Russland reagierte mit ihrer Bereitschaft Atomwaffen einzusetzen, wenn die Existenz Russlands vital gef\u00e4hrdet werde.<\/li>\n<li>In den USA publizierte der US-Politikwissenschaftler Mathew Kroenig sein Buch The Logic of American Nuclear Strategy von 2018. Er behauptet, dass die USA einen Atomkrieg gewinnen k\u00f6nnen. Sie k\u00f6nnten dabei 50 Millionen Amerikaner opfern. Doch der Verfasser rechnet den infolge von Br\u00e4nden entstehenden Nuklearen Winter und die Verstrahlungsopfer heraus. Damit beruht seine These auf irrealen Voraussetzungen.<\/li>\n<li>Atombomben k\u00f6nnen auch verheerende Wirkungen erzeugen, ohne dass prim\u00e4r eine einzige Person get\u00f6tet wird. Dazu gen\u00fcgt die Z\u00fcndung einer Atombombe in 100 km H\u00f6he. Die Infrastruktur des gesch\u00e4digten Landes w\u00fcrde vollst\u00e4ndig kollabieren. Es handelt sich um den Elektromagnetischen Impuls, den Nordkorea \u00fcber den USA nutzen k\u00f6nnte. Die USA verf\u00fcgen bisher \u00fcber keine M\u00f6glichkeiten, ihn zu verhindern.<\/li>\n<li>Das atomare Zeitalter bringt uns, je mehr spaltbares Material entwendet wird, das Risiko einer Sprengladung mit radioaktivem Material, eine radiologische oder schmutzige Bombe. Terrorgruppen k\u00f6nnten sie bauen und einsetzen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Es folgt, dass G\u00fcnther Anders Recht beh\u00e4lt: K\u00fcnftige Geopolitik steht im Schatten best\u00e4ndiger Apokalyptik. Geopolitik wird daher zu einer Gradwanderung zwischen zu viel und zu wenig Vertrauen in die anderen. Zu viel Vertrauen: Sie werden nicht ernst genommen. Zu wenig Vertrauen: Es entsteht eine Hysterie eines Sicherheitswahns.<\/p>\n<p>Da Atomwaffen nicht mehr aus der Welt zu schaffen sind, vertrete ich selber eine Politik <em>nuklearer Deaktivierung<\/em>. Man nimmt die atomaren Z\u00fcnder aus den Raketen heraus und verwahrt sie an anderem, nicht leicht zug\u00e4nglichem Ort. Auf diese Weise w\u00fcrde man im Konfliktfall Zeit gewinnen, der zu Verhandlungen genutzt werden kann. Doch dazu fehlt offenbar eine internationale Kl\u00e4rungsbereitschaft.<\/p>\n<p>Doch dies ist noch nicht alles. Ich geh\u00f6re einem Kreis von Wissenschaftlern an, der vor einem Atomkrieg warnt, der aus Versehen geschehen kann. Der Befehl zu einem Atomkrieg h\u00e4ngt von Sensoren ab, deren KI nicht zwischen Bluff und Ernst unterscheiden kann. 1983 wurde die Menschheit vor einem Atomkrieg durch den sowjetischen Offizier Stanislaw Petrov gerettet. Er misstraute dem Anflug von US-Atomraketen, der sich als Effekt einer Spiegelung auf dem Radar erwies. Inzwischen erledigt dies die KI. Menschliche Lebensretter wie Petrov werden arbeitslos.<\/p>\n<p>Wir befinden uns noch immer oder gar erneut in der Lage, wie es Stanley Kubrick vor 61 Jahren in seinem Film <em>Dr. Seltsam. Oder wie ich es lernte, die Bombe zu lieben,<\/em> darstellt. Dort wird trotz aller Bem\u00fchungen um globalen Frieden am Ende die Menschheit und alle Lebensvoraussetzungen mit thermonuklearen Waffen vernichtet.<\/p>\n<p>Manchem k\u00f6nnte sich angesichts dieser unl\u00f6sbaren Probleme daher die Frage aufdr\u00e4ngen, ob die Apokalypseblindheit, die G\u00fcnther Anders bem\u00e4ngelt, nicht vorzuziehen ist? Oder m\u00fcssten wir alle zu \u00dcbermenschen werden, um das atomare Zeitalter zu ertragen? Zur Blindheit kann man sich jedoch nicht entschlie\u00dfen. Und \u00dcbermensch wird man nicht, auch wenn man es werden wollte.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt kein tr\u00f6stendes Wort ein. Eher erinnere ich mich an zwei Zeilen des franz\u00f6sischen Dichters Charles Baudelaire aus dem Einleitungsgedicht seiner <em>Fleurs <\/em><em>du Mal<\/em>. Dort schreibt Baudelaire bereits im Jahre 1861:<\/p>\n<blockquote><p><strong><em>Chaque jour vers l\u2019Enfer nous descendons d\u2019un pas,<br \/>\n<\/em><em>Sans horreur, \u00e0 travers des t\u00e9n\u00e8bres qui puent.<\/em><\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Ich \u00fcbersetze dies mit:<\/p>\n<blockquote><p><strong><em>T\u00e4glich steigen wir mit einem weiteren Schritt zur H\u00f6lle hinab,<br \/>\n<\/em><em>Ohne Schrecken, auch wenn die Tiefe uns anstinkt.<\/em><\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Bernhard H. F. Taureck\u00a0 ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes Rheinland-Pfalz \/ Saarland<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<h6>Bild(er): US-amerikanisches Propaganda-Plakat mit der Aufschrift \u201eJap\u2026 You\u2019re Next! We\u2019ll Finish the Job\u201c, dt. etwa: \u201eJapse\u2026 Du bist der N\u00e4chste! Wir werden die Sache zu Ende bringen!\u201c, vermutlich ver\u00f6ffentlicht 1945 nach dem Ende des 2. Weltkriegs in Europa. Grafik: James Montgomery Flagg \u2013 U.S. National Archives and Records Administration, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:%22Jap...You%27re_Next%5E_We%27ll_Finish_the_Job%22_-_NARA_-_513563.jpg?uselang=en#Licensing\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Public Domain<\/a>, Quelle: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=16926145\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=16926145<\/a><\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberlegungen zum 80. Jahrestag\u00a0des mit dem Doppelabwurf einsetzenden atomaren Zeitalters Von Bernhard H. F. Taureck\u00a0 Erstver\u00f6ffentlichung am 21.06.2025 auf der Seite des Deutschen Freidenker-Verbandes Prolog: Die Unglaubw\u00fcrdigkeit der UNO Am 26. Juni 1945 wurde in San Francisco die UNO gegr\u00fcndet. Zu ihren Zielen geh\u00f6rt die Bewahrung der Menschen vor der Geisel des Krieges. Auf Betreiben [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-4269","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p4d9vn-16R","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4269","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4269"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4269\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4440,"href":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4269\/revisions\/4440"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4269"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4269"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4269"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}