{"id":3607,"date":"2025-05-06T16:01:30","date_gmt":"2025-05-06T14:01:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/?p=3607"},"modified":"2025-08-02T22:03:33","modified_gmt":"2025-08-02T20:03:33","slug":"der-leere-stuhl-oder-erinnerung-laesst-sich-nicht-ausblenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/?p=3607","title":{"rendered":"Der leere Stuhl \u2013 oder: Erinnerung l\u00e4sst sich nicht ausblenden"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Ein Essay von Sabiene Jahn<\/strong><\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/der-leere-stuhl-oder-erinnerung-laesst-sich-nicht-ausblenden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Original auf GlobalBridge<\/a><\/p>\n<p><strong>Ein Stuhl bleibt leer, wenn am 8. Mai 2025 der 80. Jahrestag des Kriegsendes begangen wird. Sergei Netschajew, der russische Botschafter, ist ausgeschlossen \u2013 ausgeladen durch eine Handreichung des Ausw\u00e4rtigen Amts, das ihn und Vertreter Belarus\u2019\u00a0als unerw\u00fcnscht erkl\u00e4rt. Die russische Botschaft spricht von einem \u201eanma\u00dfenden Eklat\u201c, erinnert an 27 Millionen gefallene Sowjetb\u00fcrger und fordert, den Genozid an den V\u00f6lkern der UdSSR anzuerkennen. W\u00e4hrend Berlin-Treptow seine Tore f\u00fcr russische Diplomaten\u00a0\u00f6ffnet, droht Brandenburg mit polizeilicher R\u00e4umung. Dieser leere Stuhl ist mehr als ein Platz, der unbesetzt bleibt: Er fl\u00fcstert von einem Anwalt in Koblenz, der unbequeme Wahrheiten mit einem L\u00e4cheln abtut. Von einem Handwerker, der \u00fcber die Krim stolpert und sp\u00fcrt, dass etwas in den Erz\u00e4hlungen nicht stimmt. Von einer Ukrainerin in Deutschland, die ihre Wahrheit \u00fcber Hass und Gewalt in ihrer Heimat nur im Schatten wagt zu teilen.<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_3628\" style=\"width: 505px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3628\" data-attachment-id=\"3628\" data-permalink=\"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/?attachment_id=3628\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/netschajew-in-torgau_foto-sankin.webp?fit=1024%2C577&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1024,577\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"netschajew-in-torgau_foto-sankin\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/netschajew-in-torgau_foto-sankin.webp?fit=300%2C169&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/netschajew-in-torgau_foto-sankin.webp?fit=493%2C278&amp;ssl=1\" class=\"wp-image-3628\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/netschajew-in-torgau_foto-sankin.webp?resize=495%2C279&#038;ssl=1\" alt=\"Sergej Netschajew beim Elbe-Tag Torgau\" width=\"495\" height=\"279\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/netschajew-in-torgau_foto-sankin.webp?w=1024&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/netschajew-in-torgau_foto-sankin.webp?resize=300%2C169&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/netschajew-in-torgau_foto-sankin.webp?resize=768%2C433&amp;ssl=1 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 495px) 100vw, 495px\" \/><p id=\"caption-attachment-3628\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Sergej Netschajew, Botschafter der Russischen F\u00f6deration in Deutschland am Denkmal der Begegnung in Torgau, 25.04.2025. Klaus Hartmann begr\u00fc\u00dfte ihn herzlich im Namen des Deutschen Freidenker-Verbandes und dankte ihm f\u00fcr sein Kommen, ungeachtet der Bem\u00fchungen der Regierenden in Deutschland, eine russophobe, feindselige Atmosph\u00e4re zu schaffen.<\/p><\/div>\n<blockquote>\n<h4><\/h4>\n<h4><strong>Wer lieber h\u00f6rt als zu lesen<\/strong>:<\/h4>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/M0SOa4MgP3s?si=e2Le4XjOzJHpzVk-\" width=\"450\" height=\"253\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><span style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" data-mce-type=\"bookmark\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><span data-mce-type=\"bookmark\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><\/iframe><\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der 8. Mai naht. 80 Jahre nach jenem Tag, der in das kollektive Ged\u00e4chtnis Deutschlands eingeschrieben ist als Tag der Befreiung \u2013 der Kapitulation des Dritten Reiches, der Sturz eines Regimes, das die Welt in den Abgrund gest\u00fcrzt hat. Ein Tag, der vor allem eines bedeutet: Erinnerung an die Millionen Opfer, an die millionenfachen Retter. Und doch wird in diesem Jahr ein Stuhl leer bleiben. Das Ausw\u00e4rtige Amt hat entschieden: Der russische Botschafter ist unerw\u00fcnscht bei den offiziellen Feierlichkeiten. Der Repr\u00e4sentant jenes Staates, der einst als Teil der Alliierten das nationalsozialistische Deutschland zerschlug, bleibt drau\u00dfen. Ausgeladen, weil der heutige Krieg Russlands gegen die Ukraine nicht vereinbar sei mit dem Geist des Gedenkens. Eine Entscheidung, die mehr \u00fcber das gegenw\u00e4rtige Deutschland aussagt als \u00fcber das vergangene.<\/p>\n<p>Was wie eine moralische Haltung wirken soll, entlarvt sich bei n\u00e4herem Hinsehen als politischer Offenbarungseid. Geschichte wird selektiv gelesen, instrumentalisiert f\u00fcr die Gegenwart. Man trennt Opfer von Opfern, T\u00e4ter von T\u00e4tern \u2013 nicht nach der historischen Wahrheit, sondern entlang geopolitischer Zweckm\u00e4\u00dfigkeit. Die Sowjetunion, die einst 27 Millionen Tote in diesem Krieg zu beklagen hatte, wird zur Randnotiz, weil Russland heute Feindbild ist. Man redet \u00fcber Auschwitz, aber schweigt \u00fcber Leningrad. Man gedenkt der Befreiung, aber nicht ihrer Befreier. Das ist kein Fortschritt, das ist Geschichtsklitterung. Und doch: Nicht alle machen dabei mit. Die Stadtverwaltung von Berlin-Treptow \u2013 zust\u00e4ndig f\u00fcr das sowjetische Ehrenmal, wo \u00fcber 7.000 Rotarmisten begraben liegen \u2013 stellt sich quer. Sie will das Gedenken nicht per Dekret entkoppeln von der historischen Wahrheit. Ob die Feierlichkeiten dennoch stattfinden k\u00f6nnen, wie es sich geh\u00f6ren w\u00fcrde, bleibt ungewiss. Der politische Streit \u00fcberschattet seit drei Jahren diesen Tag in f\u00fcr mich unverzeihlicher Weise, der dem Erinnern gewidmet sein sollte. Auf dem Territorium Deutschlands befinden sich mehr als viertausend Grabst\u00e4tten, in denen \u00fcber 700.000 Sowjetsoldaten ruhen. Doch etwas wurde jedes Jahr deutlich: Es kamen trotz alledem viele Menschen. Vielleicht mehr denn je. Sie kamen, um Blumen niederzulegen. Um an jene zu erinnern, die hier begraben liegen \u2013 ungeachtet der aktuellen Feindbilder. Sie werden auch dieses Jahr da sein. Auch wenn ein Stuhl leer bleibt. Denn Erinnerung l\u00e4sst sich nicht ausladen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3><strong>Gesicht des Systems<\/strong><\/h3>\n<p>Wenige Tage nach der Nachricht aus dem Ausw\u00e4rtigen Amt \u2013 der Ausladung des russischen Botschafters \u2013 traf ich ihn. Einen alten Bekannten aus dem erweiterten Kreis meiner Familie. Anwalt, Anfang\u00a0Sechzig, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer einer gro\u00dfen Kanzlei in Koblenz, gut im Gesch\u00e4ft, noch drei Jahre bis zur Pension. Ein H\u00e4uschen in bevorzugter Gegend, kleiner Garten, eine Frau, keine Kinder. Einer, der sein Leben auf sichere Fundamente gebaut hat. Wir kamen ins Gespr\u00e4ch. \u00dcber den Krieg, \u00fcber die Ukraine, \u00fcber das, was hierzulande niemand h\u00f6ren will\u00a0\u2013 die nationalistischen Strukturen, die Gewalt, die Verbrechen, die nicht\u00a0(mehr)\u00a0in die Schlagzeilen passen.\u00a0Denn\u00a0im Jahr\u00a02014\/\u00a02015 hatte der Mainstream\u00a0die Nazis\u00a0in seinen reichweitenstarken Zeitungen und im Fernsehen konkret benannt \u2013 dann brachen diese Informationen abrupt ab und die Medien konzentrierten sich auf sogenannte Separatisten im Donbass.<\/p>\n<p>Mein Bekannter l\u00e4chelte. \u201eDas glaub\u2019\u00a0ich nicht,\u201d antwortete er kurz.\u00a0Ein Reflex. Keine Nachfrage, keine Neugier, kein Ringen um Wahrheit. Ein Satz, der alles abwehrte. Es war nicht das erste Mal, dass ich ihm begegnete \u2013 und auch nicht das erste Mal, dass er sein Weltbild so klar verteidigte.\u00a0Nach\u00a0den\u00a0Corona-Jahren, h\u00f6rte ich ihn,\u00a0vertrat seine Kanzlei die Kommunen. Gegen B\u00fcrger, die klagten \u2013 gegen Kritiker der Ma\u00dfnahmen. Es war ein gutes Gesch\u00e4ft, sagte er. \u201eDas Gesch\u00e4ft brummte.\u201c\u00a0\u00a0Er lachte dabei. Kein Witz, kein Augenzwinkern \u2013 eher die selbstzufriedene Feststellung, dass der Mechanismus funktioniert. Dass Angst Auftr\u00e4ge schafft. Dass der Druck der Medien, die Panik der Politik, die \u00dcberforderung der B\u00fcrger den Markt f\u00fcr Argumente am Laufen h\u00e4lt. Er war bereit, weiter zu profitieren. \u201eWenn es wieder eine Pandemie gibt \u2013 das Gesch\u00e4ft l\u00e4uft wieder.\u201c\u00a0Er sagte das, als w\u00e4re es eine logische Folge, ein Naturgesetz. Dass es gar nicht darauf ankommt, ob die Ma\u00dfnahmen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig waren, ob die Evidenz stimmte. Der Mainstream hielt es f\u00fcr richtig \u2013 also verteidigte er es. Weil dort, wo Angst regiert und Anpassung zur Tugend wird, immer jemand profitiert. Er sagte das nicht zynisch, sondern als Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Ein System, das ihn n\u00e4hrte. Er lieferte die Argumente \u2013 nicht, weil sie wahr waren, sondern weil sie passten.\u00a0Und weil er daran glaubte, nach all den Ver\u00f6ffentlichungen. Er hatte sich, wie er meinte, \u201cauf die Impfung gefreut\u201d.\u00a0Er verteidigte Entscheidungen, die das RKI selbst in internen Protokollen l\u00e4ngst als zweifelhaft einstufte. Einsch\u00e4tzungen, die zu Beginn der Grippewelle andere waren, bevor die Politik sie begradigte, das RKI unter Druck setzte \u2013 und die\u00a0\u00f6ffentliche Linie festzurrte.<\/p>\n<p>Und dieser Anwalt? Er passte sich an. Er argumentierte f\u00fcr die Linie, die bezahlt. In Corona-Zeiten. Heute in der Ukraine-Frage. Sein L\u00e4cheln war kein Mangel an Information. Es war das Gesicht einer inneren Haltung: Was ich nicht glauben will, das ist nicht wahr. Er ist kein Einzelfall. Er ist ein Typus. Menschen wie er leben vom Gehorsam. Sie glauben, was ihr System von ihnen verlangt. Und sie sichern es ab \u2013 mit Paragrafen, mit Argumenten, mit der Sicherheit, auf der richtigen Seite zu stehen. Diese Begegnung lie\u00df mich nicht los. Sie war kein Zufall. Sie war ein Fenster auf die Frage: Wer trifft solche Entscheidungen? Wer l\u00e4dt einen russischen Botschafter aus \u2013 80 Jahre nach der Befreiung? Wer h\u00e4lt an den einfachen Bildern fest?<\/p>\n<p>Der Anwalt war ein Symptom. Die Strukturen dahinter sind tiefer. Und so begann ich, genauer hinzusehen. Denn es sind Typen, die diese Entscheidungen tragen \u2013 keine Einzelpersonen.\u00a0Sie handeln nach Mustern. Diese Muster bestimmen das Klima in den Amtsstuben, in den Beratungszimmern, in den Hinterzimmern politischer Macht. Es sind nicht immer dieselben Menschen \u2013 aber es sind dieselben Haltungen. Ich habe sie beobachtet, immer wieder. In verschiedenen Kontexten, in verschiedenen Systemen. Sie tauchen auf, wo Verantwortung abgegeben, wo Moral zur Staffage wird. Und diese Typen will ich beschreiben.<\/p>\n<h3><strong>Der Karriere-Opportunist<\/strong><\/h3>\n<p>Die Anpassung ist sein Prinzip: Er ist der Typus, der in jeder Regierung Bestand hat \u2013 egal ob unter Schr\u00f6der, Merkel oder Scholz. Loyal zur Linie, biegsam im R\u00fcckgrat. Entscheidungen trifft er nicht aus \u00dcberzeugung, sondern aus Berechnung: Was st\u00e4rkt meine Position, was vermeidet Konflikte nach oben? Im Fall des ausgeladenen Botschafters hei\u00dft das: Der Opportunist wei\u00df genau, dass die Bundesregierung aktuell keinen Raum f\u00fcr historische Differenzierung l\u00e4sst. Der moralische Druck, sich von Russland abzugrenzen, ist maximal. Der Opportunist liefert, was erwartet wird. Nicht aus \u00dcberzeugung \u2013 sondern aus Angst, aufzufallen. Oder schlimmer noch: anzuecken. Er ist das, was Hannah Arendt einst die Schreibtischt\u00e4ter nannte \u2013 nicht aus b\u00f6ser Absicht, sondern aus gedankenloser Anpassung.<\/p>\n<p>Der \u00dcberzeugungst\u00e4ter ist Transatlantiker aus Prinzip: Ein anderer Typus ist nicht minder bedauerlich, aber aus anderem Holz geschnitzt. Der \u00dcberzeugungst\u00e4ter glaubt an das, was er tut. Er sieht die Welt als Kampfzone von Gut und B\u00f6se \u2013 und Russland ist f\u00fcr ihn das Reich des B\u00f6sen. Aufgewachsen in den Denkfabriken westlicher Werte, sozialisiert in transatlantischen Netzwerken, glaubt er an das Primat des Westens: Demokratie, Menschenrechte, NATO. Alles, was diesen Block infrage stellt, ist Feind \u2013 und muss bek\u00e4mpft werden, selbst auf symbolischer Ebene. F\u00fcr ihn ist das Ausladen des russischen Botschafters kein diplomatischer Affront, sondern ein Akt moralischer Hygiene. Sein Problem: Er ist blind f\u00fcr die Graut\u00f6ne der Geschichte. Er sieht nur das Heute, projiziert es r\u00fcckwirkend auf das Gestern. Dass ohne die Rote Armee Auschwitz nicht befreit worden w\u00e4re? F\u00fcr ihn nebens\u00e4chlich. Die Ukraine ist der neue Fixpunkt seiner Welt \u2013 alles andere wird untergeordnet.<\/p>\n<h3><strong>Wertloser Verwalter<\/strong><\/h3>\n<p>Der Technokrat ist ein werteloser Verwalter. Er ist weder \u00fcberzeugter Ideologe noch zynischer Karrierist. Er ist einfach jemand, der Prozesse managt. F\u00fcr ihn ist Geschichte ein administratives Problem: Wer k\u00f6nnte sich durch den Auftritt des russischen Botschafters gest\u00f6rt f\u00fchlen? Welche Wellen schl\u00e4gt das medial? Wie reagieren unsere Partner? Er denkt in Checklisten, nicht in Kategorien von Verantwortung. F\u00fcr ihn z\u00e4hlt, was funktioniert, nicht, was richtig ist. Geschichte ist f\u00fcr ihn Kulisse, kein innerer Kompass. Dass historische Verantwortung auch moralischen Mut verlangt? Kein Thema f\u00fcr ihn. Und dieser blinde Glaube an Prozesse endet nicht bei der Politik. Er reicht bis in den eigenen K\u00f6rper. Der Technokrat nimmt, was ihm verordnet wird. Medikamente, Ma\u00dfnahmen, Einschr\u00e4nkungen \u2013 solange sie \u201eoffiziell\u201c sind, solange sie aus den richtigen Kan\u00e4len kommen. Er fragt nicht nach, ob es ihm guttut. Er fragt, ob es genehmigt ist. Manchmal erkennt man das schon an seiner \u00e4u\u00dferen Erscheinung. Fettleibigkeit ist hier kein Zufall. Sie ist der Ausdruck eines K\u00f6rpers, der l\u00e4ngst aufgibt, weil der Kopf nicht mehr hinh\u00f6rt. Weil die Achtsamkeit verloren ging, als die Prozesse wichtiger wurden als das eigene Leben. Der Technokrat vertraut den Strukturen mehr als sich selbst. Selbst wenn sein K\u00f6rper l\u00e4ngst etwas anderes sagt.<\/p>\n<h3><strong>Mitl\u00e4ufer mit Restzweifel<\/strong><\/h3>\n<p>Und es gibt jene, die nicht im System arbeiten, aber vom System leben. Es ist der Systemprofiteur\u00a0und sein Gesch\u00e4ft mit der Angst: Anw\u00e4lte, Berater, Unternehmer \u2013 die Argumente liefern, die das System braucht, um sich zu st\u00fctzen. Sie haben keinen Eid auf Neutralit\u00e4t geschworen, keine Loyalit\u00e4t zu einer Partei, keinem Staatsdienst. Sie liefern \u2013 gegen Rechnung. Der Anwalt geh\u00f6rt hierher. Er ist kein \u00dcberzeugungst\u00e4ter, kein Technokrat. Er ist Gesch\u00e4ftemacher. Sein Ma\u00dfstab ist der Markt. Und solange der Markt von Angst lebt, solange die Politik Druck erzeugt, solange Medien Bilder liefern, die Panik erzeugen \u2013 brummt das Gesch\u00e4ft. Das war in der Pandemie so. Das ist im Krieg so. Wer Argumente verkaufen kann, verkauft sie \u2013 ohne zu fragen, ob sie wahr sind. Nur ob sie bezahlt werden.<\/p>\n<p>Er lachte, als er erz\u00e4hlte, wie gut das Gesch\u00e4ft lief.\u00a0Kein Hohn. Kein Zynismus. Einfach die Best\u00e4tigung: Das System funktioniert. Und wenn es wieder eine Pandemie gibt \u2013 l\u00e4uft es weiter. Diese Profiteure halten das System nicht am Laufen, weil sie glauben \u2013 sondern weil sie verdienen. Und glauben daran.<\/p>\n<p>Es gibt auch noch den Mitl\u00e4ufer mit Restzweifel, eine Mischform: Zwischen dem reinen Technokraten und dem Opportunisten gibt es jene, die noch sp\u00fcren, dass etwas nicht stimmt. Sie haben die Prozesse verinnerlicht, sie folgen den Regeln, sie argumentieren mit dem, was sie gelernt haben \u2013 aber sie sind nicht taub f\u00fcr das, was in ihnen selbst vorgeht. Ein Weggef\u00e4hrte des Anwalts ist so einer. Er h\u00f6rte zu. Z\u00f6gerte. Und erst, als sein K\u00f6rper nach den (selbst) verordneten nicht mehr das tat, was er sollte, als die Energie nachlie\u00df, der Antrieb schwand \u2013 begann er zu zweifeln. Nicht an allem, aber an genug, um das n\u00e4chste Mal genauer hinzusehen. Diese Mischtypen sind das, was das System am dringendsten f\u00fcrchtet: Menschen, die noch einen Rest Instinkt behalten haben. Die noch offen sind f\u00fcr den Bruch in ihrem Weltbild. Sie haben gelernt, dem Mainstream zu folgen \u2013 aber sie haben auch gelernt, dass der eigene K\u00f6rper nicht l\u00fcgt. Wenn sie zuh\u00f6ren \u2013 nicht nur nach au\u00dfen, sondern auch nach innen \u2013 k\u00f6nnten sie den Unterschied machen.<\/p>\n<p>Der entwurzelte Elitemensch ist fremd im eigenen Land, er ist der Funktion\u00e4r, der nie gelernt hat, Geschichte als etwas Lebendiges zu begreifen. Aufgewachsen im selbstgef\u00e4lligen Westdeutschland, fernab von Krieg, Verfolgung, Flucht. Gepr\u00e4gt von einem Selbstbild als Teil einer post-nationalen Elite, die sich mehr mit Br\u00fcssel und bislang auch mit Washington identifizierte als mit den Opfern von Leningrad oder Stalingrad. F\u00fcr ihn sind diese Geschichten alt, fern, fast exotisch. Russland ist f\u00fcr ihn nicht Teil europ\u00e4ischer Erinnerung, sondern ein dunkler Fleck auf der geopolitischen Landkarte. Dass unter den Gr\u00e4bern in Treptow vielleicht auch die Vorfahren heutiger Russen liegen? Eine Randnotiz. Ihn interessiert die Gegenwart, nicht das Erbe. Sie alle stehen sinnbildlich f\u00fcr ein politisches Klima, das Geschichte instrumentalisiert, um in der Gegenwart nicht zu st\u00f6ren. Und so bleibt der Stuhl leer.<\/p>\n<h3><strong>Gehorsam als Konstante<\/strong><\/h3>\n<p>Eine Freundin aus Sachsen-Anhalt sagte k\u00fcrzlich etwas, das mir sehr nachging. Sie kennt den Osten,\u00a0wie ich;\u00a0\u00a0sie kennt den Westen,\u00a0wie ich. Und sie kennt die Mechanismen des Mainstreams. \u201eZur Kaiserzeit schwor der Mainstream dem Kaiser die Treue. Als der gest\u00fcrzt war, wurde, wer zu lange loyal geblieben war, verfolgt. Dann kam Hitler \u2013 und wieder folgte der Mainstream. Nach 1945? Dieselbe Logik: Wer gestern noch Beifall klatschte, wurde ge\u00e4chtet. Dann folgte die sozialistische Parteitreue, bis auch dieses System fiel. Und wieder wendete sich der Mainstream gegen seine einstigen Bannertr\u00e4ger. Heute rennt er der gendergerechten, klimaberauschten Pseudodemokratie und Cancel-Kultur hinterher, ordnete sie ein.\u201c Der Wunsch meiner Freundin: \u201eMan kann nur hoffen, dass auch das einmal als Irrtum erkannt wird.\u201c\u00a0Es ist die alte Geschichte. Die Narrative wechseln, der Gehorsam bleibt. Der Mainstream passt sich an \u2013 nicht aus \u00dcberzeugung, sondern weil es einfacher ist, zu folgen, als zu widerstehen. Er h\u00e4lt den Kurs, solange der Kurs stabil erscheint.<\/p>\n<p>Die Typen, die ich beschrieben habe, sind keine Ausnahmen. Sie sind das R\u00fcckgrat dieses Gehorsams. Nicht weil sie glauben. Sondern weil sie es nicht riskieren wollen, im falschen Moment auf der falschen Seite zu stehen. Es ist ein Muster, das sich durch die Geschichte zieht \u2013 von der Kaiserzeit \u00fcber Hitler, den Sozialismus bis ins Heute. Die Formen \u00e4ndern sich. Die Parolen auch. Der Reflex bleibt. Und vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung in unserer Zeit: Nicht der n\u00e4chste Irrtum. Sondern die Frage, ob wir ihn erkennen, bevor es zu sp\u00e4t ist.<\/p>\n<p>Es gibt Stimmen, die lassen sich nicht in Typologien pressen. Keine Rollen, keine Narrative, keine politischen Lager. Nur die rohe Erfahrung eines Lebens, das von den Folgen dieser Entscheidungen gezeichnet ist.<\/p>\n<h3><strong>Ukraine \u2013 Blick von innen<\/strong><\/h3>\n<p>Ich erhielt Ostermontag einen Brief von einer gefl\u00fcchteten Ukrainerin, die heute in Rheinland-Pfalz lebt. Sie kam auf mich zu, weil sie sp\u00fcrte, dass ich zuh\u00f6re, wo andere abblocken. Weil sie wusste, dass es R\u00e4ume geben muss, in denen das Unsagbare gesagt werden kann. Dieser Brief ist einer dieser R\u00e4ume.\u00a0Sie schrieb mir am 21. April 2025. Eine Ukrainerin, die wei\u00df, wovon sie spricht. Ihre Worte tragen den Schmerz eines Landes, das sich selbst verloren hat \u2013 und ist Mahnung an jene, die noch zuh\u00f6ren wollen. Ihren Namen, so bat sie mich, soll ich aus Sicherheitsgr\u00fcnden anonymisieren. Den \u00fcbersetzten Text ver\u00f6ffentliche ich ausf\u00fchrlich.<\/p>\n<h3><strong>B. schreibt:<\/strong><\/h3>\n<blockquote><p>\u201eEs schmerzt mich, auf mein Land zu blicken, das blutet. Aber ich verstehe, dass dieser ganze Horror nicht enden wird, solange es kein allgemeines Verst\u00e4ndnis und keine Reue gibt. Ich verstehe, dass wir selbst an dieser schrecklichen Trag\u00f6die schuld sind. Wir haben es schweigend zugelassen, dass eine nationalistische Minderheit ihre Ideologie aufzwingt und umsetzt. Nicht alle haben die Maidan-Proteste in der Ukraine unterst\u00fctzt. Und selbst unter denen, die sie unterst\u00fctzt haben, waren viele nicht mit den Parolen des Maidan einverstanden. Ich erinnere mich sehr gut, wie damals die Hauptparole des ersten Maidan kultiviert wurde: \u201eMoskali (abf\u00e4llige Bezeichnung f\u00fcr Russen, <em>Red.<\/em>) an den Galgen!\u201c und \u201eWer nicht h\u00fcpft, ist ein Moskali!\u201c<\/p>\n<p>K\u00f6nnt ihr euch vorstellen, dass in Europa eine Menge Menschen auf einen Platz geht und br\u00fcllt: \u201ePolen an den Galgen!\u201c oder \u201eDeutsche an den Galgen!\u201c oder \u201eFranzosen aufh\u00e4ngen!\u201c?\u00a0Deshalb, wenn man sagt, \u201edie Ukraine ist ein Opfer der Aggression\u201c, ist das eine L\u00fcge. Die Ukraine hat alles M\u00f6gliche und sogar Unm\u00f6gliches getan, um Russland zu provozieren. Acht Jahre lang wurden wir mit Hass gegen Russen aufgeladen, acht Jahre lang war die Hauptparole: \u201eMoskali an den Galgen!\u201c\u00a0Darauf wurden die Kinder erzogen. Es war ja lustig, zu h\u00fcpfen und zu rufen: \u201eWer nicht h\u00fcpft, ist ein Moskali!\u201c oder \u201eMoskali an den Galgen!\u201c Das war ein Boom \u2013 Videos wurden gemacht, wie kleine Kinder, die gerade sprechen gelernt hatten, h\u00fcpfen und diese Parolen br\u00fcllen, w\u00e4hrend die Erwachsenen daneben lachten und die Kinder daf\u00fcr lobten. Ich erinnere mich an ein Video, in dem ein kleines M\u00e4dchen h\u00fcpfte und br\u00fcllte, und ihr Vater fragte sie: \u201eWas wirst du machen, wenn du gro\u00df\u00a0bist?\u201c \u2013 und es schrie zur\u00fcck: \u201eIch werde Russen abschlachten!\u201c Die Erwachsenen lachten. Und solche Videos gab es viele.<\/p>\n<h3><strong>Krank vor Hochmut<\/strong><\/h3>\n<p>Sagt mir, was f\u00fcr Menschen k\u00f6nnen aus solchen Parolen heranwachsen? Warum wurde niemand f\u00fcr solche Mordaufrufe zur Verantwortung gezogen \u2013 nennen wir die Dinge endlich beim Namen. Warum wurde das nicht unterbunden und niemand bestraft? Warum wurden die Besitzer von Restaurants in der Westukraine nicht zur Rechenschaft gezogen, die auf ihren Speisekarten \u201eFilet russischer S\u00e4uglinge\u201c, \u201eCocktail Gorlowka-Madonna\u201c oder \u201eSet Allee der Engel\u201c und viele weitere absto\u00dfend sadistische Namen stehen hatten? Die\u00a0\u201cGorlowka-Madonna\u201d\u00a0\u2013 das war eine junge Frau mit einem Kind auf dem Arm, die im Juli 2014 in Gorlowka (Donezk) starb, als sie ihr Kind vor ukrainischen Granaten sch\u00fctzte. Die\u00a0\u201cAllee der Engel\u201d\u00a0\u2013 das ist ein Kinderfriedhof in Donezk f\u00fcr Kinder, die seit 2014 durch Beschuss von ukrainischer Seite ums Leben kamen.<\/p>\n<p>Kann mir jemand sagen, dass dies das\u00a0Verhalten eines Opfers ist? Nein, das ist das Verhalten von Menschen, die von Hass zerfressen sind und nach Blut d\u00fcrsten. Das ist gew\u00f6hnlicher Nazismus in seiner reinsten Form. Und diese kleine Bande abgebr\u00fchter Nazis hat \u2013 nat\u00fcrlich nicht ohne Hilfe von Sponsoren aus \u00dcbersee\u00a0\u2013 nacheinander Maidans organisiert und es geschafft, ein riesiges Land unter ihre Kontrolle zu bringen. Leider war ein gro\u00dfer Teil der Gesellschaft leicht beeinflussbar. Einer der Tods\u00fcnden ist Hochmut, und genau das ist hier ein leuchtendes Beispiel: eine ganze Nation ist t\u00f6dlich krank vor Hochmut. Der Hauptslogan in der Ukraine lautet jetzt: \u201eUkraine \u00fcber alles.\u201c\u00a0Nicht Gott, nicht die Wahrheit, nicht die Gerechtigkeit \u2013 sondern die Ukraine an erster Stelle. Und die Ukrainer sind entsprechend die \u201eh\u00f6here Rasse\u201c.<\/p>\n<p>Kommt euch <em>(Deutsche, Red.)<\/em> das bekannt vor?<\/p>\n<p>Der Hass auf Russen ist einfach manisch geworden. Im ganzen Land werden historische Denkm\u00e4ler zerst\u00f6rt, Stra\u00dfen umbenannt, B\u00fccher der gr\u00f6\u00dften Klassiker der Weltliteratur verbrannt, alles, was mit Russland zu tun hat, wird ausgel\u00f6scht. Und das begann nicht 2022, sondern 2014. Seit 2014 begann die Ukraine, ihre eigenen B\u00fcrger im Donbass zu bombardieren, weil sie sich weigerten zu h\u00fcpfen und zu br\u00fcllen: \u201eMoskali an den Galgen!\u201c, weil sie sich weigerten, ihre Denkm\u00e4ler abzurei\u00dfen und ihre Stra\u00dfen nach Nazi-Verbrechern umzubenennen, weil sie in ihrer Muttersprache sprechen wollten. \u00dcber 50 Prozent der Bev\u00f6lkerung im Donbass sind ethnische Russen, etwa 90\u202fProzent sprechen Russisch. Und daf\u00fcr begann man, sie einfach zu bombardieren. Denn der Hass auf alles Russische war so gro\u00df, dass man meinte: Wer nicht alles Russische ablehnt, hat kein Recht auf Leben, der muss physisch vernichtet werden. Und ich frage noch einmal: Ist diese Ukraine ein armes, unschuldiges Opfer der Aggression?<\/p>\n<p>Etwa 2019\u00a0f\u00fchrte eine internationale Psychologenorganisation Trainings in Tschernihiw (\u00f6stlich von Kiew) f\u00fcr ukrainische Psychologen durch, die sich um Frauen k\u00fcmmerten, die unter physischer und psychischer Gewalt gelitten haben. Einige von ihnen kamen aus den Frontgebieten Lugansk und Donezk. Sie berichteten von der H\u00f6lle, in der sie arbeiten mussten. Fast alle Schulm\u00e4dchen in der N\u00e4he der Frontlinie wurden vergewaltigt, regelm\u00e4\u00dfig. Eine Lehrerin wandte sich an den Kommandanten einer ukrainischen Einheit und bat ihn, seine Soldaten zu disziplinieren, weil bereits M\u00e4dchen schwanger wurden. Seine Antwort war grob und obsz\u00f6n: \u201eMeine Soldaten sind Engel, und wenn du noch einmal kommst, wirst du es bereuen.\u201c\u00a0Es f\u00e4llt mir schwer, das zuzugeben, aber die Ukraine ist offensichtlich kein Opfer.\u00a0Acht Jahre lang bombardierten sie den Donbass, t\u00f6teten ihre eigenen B\u00fcrger, vergewaltigten Kinder. Und als das Ma\u00df voll war und die Antwort f\u00fcr diese monstr\u00f6sen Verbrechen kam, wurden wir pl\u00f6tzlich zum Opfer. Aber war der Donbass nicht Opfer der ukrainischen Aggression?\u00a0Zw\u00f6lf Jahre leben sie nun unter Beschuss. Dort ist eine ganze Generation von Kindern aufgewachsen, die nie Frieden gekannt haben. Wo ist die internationale Gemeinschaft, warum schlie\u00dft sie die Augen vor der ukrainischen Aggression?<\/p>\n<h3><strong>Unantastbare Kaste<\/strong><\/h3>\n<p>Doppelte Standards. So kann man aus einem Verbrecher ein Opfer machen. So wird Wei\u00df zu Schwarz und Wahrheit zu L\u00fcge. Nat\u00fcrlich zerrei\u00dft es mein Herz, ich habe Freunde und Verwandte verloren \u2013 auch jetzt, nach 2022. Es ist alles sehr grausam und ungerecht. Aber ich verstehe auch, dass all das, was in der Ukraine passiert, eine Folge unserer eigenen Handlungen ist. Gibt es einen anderen Ausweg? Leider nein.<\/p>\n<p>Selbst jetzt \u00e4ndert sich nichts. Die Menschen haben Angst, auf Russisch zu sprechen. Ein Mann in Uniform schlug eine Frau in einem ukrainischen Restaurant ins Gesicht, weil sie ein russisches Lied auf dem Handy abspielte. Er sah wohlgen\u00e4hrt aus, solche k\u00e4mpfen nicht an der Front. Diese Nazis pr\u00fcgeln die, die Russisch sprechen, nehmen ihnen das Gesch\u00e4ft weg.\u00a0Wenn jemand sich weigert, sein Gesch\u00e4ft zu \u00fcbergeben, wird er verpr\u00fcgelt, als Verr\u00e4ter bezeichnet, ins Gef\u00e4ngnis geworfen oder get\u00f6tet. Die wahren Nazis k\u00e4mpfen nicht an der Front. Sie nutzen den Krieg als Deckmantel f\u00fcr Raub. Verschwinden Menschen, fragt keiner. Krieg eben \u2026 Die \u201egerechte\u201c Sache: Russen haben kein Recht auf Leben, also ist es \u201eGerechtigkeit\u201c, ihnen alles zu nehmen.<\/p>\n<p>Abgeordnete der Werchowna Rada (ukrainisches\u00a0Parlaments, <em>Red.<\/em>) propagierten seit 2014 interethnischen Hass. Sie erkl\u00e4rten Menschen aus dem Donbass zu zweitklassigen Menschen. Der Nazismus wurde nicht nur nicht unterdr\u00fcckt, sondern auf h\u00f6chster Ebene gef\u00f6rdert. Verbrechen, die Nazis begangen haben, wurden nicht untersucht, wodurch sie zu noch gr\u00f6\u00dferen Verbrechen ermutigt wurden. Der S\u00e4nger Skryabin wurde ermordet, weil er die Wahrheit \u00fcber den Donbass sagte. Journalisten und Schriftsteller wie Oles Busina, Pawel Scheremet, Georgi Gongadse \u2013 diese Liste k\u00f6nnte ich lange fortsetzen \u2013 wurden get\u00f6tet, weil sie zu viel Wahrheit sprachen. Und selbst Massaker wurden nicht aufgekl\u00e4rt. In Odessa im Mai 2014 verbrannten Nationalisten Menschen im Gewerkschaftshaus bei lebendigem Leib. 42 Menschen starben \u2013 und niemand wurde daf\u00fcr zur Rechenschaft gezogen. Ist es da verwunderlich, dass diese Leute verstanden haben, dass sie eine unantastbare Kaste geworden sind, eine h\u00f6here Kaste? Welche Verbrechen sie auch begehen \u2013 niemand bestraft sie, im Gegenteil: Sie werden zu nationalen Helden gemacht, erhalten\u00a0\u00c4mter und Auszeichnungen. Sie selbst kamen an die Macht.<\/p>\n<p>Einige Krankheiten k\u00f6nnen nur operativ geheilt werden. Die Ukraine l\u00e4sst sich nicht ohne einen chirurgischen Eingriff heilen.<\/p>\n<p>Bruno Jasie\u0144ski sagte einmal: \u201aMit dem stillschweigenden Einverst\u00e4ndnis der Gleichg\u00fcltigen geschehen alle Verbrechen der Welt.\u2018 Wir haben das wieder best\u00e4tigt. Mit unserem Schweigen lie\u00dfen wir all das geschehen. Aber es ist nie zu sp\u00e4t f\u00fcr Einsicht und Reue. Und noch etwas: Wer dieses\u00a0Regime unterst\u00fctzt, der mein Land ins Elend gest\u00fcrzt hat, wird sein Mithelfer.\u201c<\/p>\n<p><strong>[Ende des Briefes]<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<h3>Unbequeme Wahrheit<\/h3>\n<p>Man kann diesen Brief lesen und dann weitermachen, als w\u00e4re nichts gewesen. Viele tun das. Sie \u00fcberfliegen ihn, suchen nach Fehlern, nach Widerspr\u00fcchen, nach irgendetwas, das ihn entwertet. Weil es leichter ist, den Absender infrage zu stellen, als den eigenen Blick auf die Welt. Was diese Ukrainerin schreibt, ist unbequem. Es passt nicht zum Bild, das der Westen von der Ukraine gezeichnet hat. Es passt nicht zu den Parolen auf den Regierungs-Webseiten, nicht zu den Statements der Au\u00dfenministerin, nicht zu den Schlagzeilen, die den Krieg in klare Rollen aufteilen: T\u00e4ter hier, Opfer dort. Aber Wahrheit schert sich nicht um Schlagzeilen. Und dieser Brief ist ein St\u00fcck Wahrheit, das nicht gebogen werden kann.<\/p>\n<p>Er legt offen, was westliche Politiker, Medien und Analysten seit Jahren verdr\u00e4ngen: Dass es in der Ukraine Nationalismus gibt, der l\u00e4ngst zur Staatsideologie geworden ist. Dass dieser Nationalismus von Gewalt lebt, von Hass auf alles Russische, auf alles, was nicht in die eigene Erz\u00e4hlung passt.\u00a0Wer das benennt, riskiert etwas. In der Ukraine das Leben. Hier in Deutschland vielleicht nur den guten Ruf, den Zugang zu Auftr\u00e4gen, zu Netzwerken. Aber es reicht, dass viele schweigen.<\/p>\n<p>Die Ukrainerin, auch sie schweigt \u2013 meist. Weil sie wei\u00df, dass das Risiko bleibt, selbst hier. Zu viele sind unterwegs, die pr\u00fcfen, wer sich zu viel erlaubt. Wer das falsche Lied h\u00f6rt. Wer die falschen Fragen stellt. Ich habe ihr zugeh\u00f6rt. Und ich tue, was in meiner Macht steht: Ich schreibe es auf. Nicht um Mitleid zu erzeugen, sondern um der Verdr\u00e4ngung die Stirn zu bieten. Weil das Schweigen sonst die Oberhand beh\u00e4lt. Die Wahrheit, die sie schildert, ist keine russische Propaganda. Es ist gelebte Erfahrung. Und sie ist unbequem, weil sie uns zwingt, die Rolle des Westens in diesem Krieg anders zu betrachten. Es gibt hier Menschen, die diesen Brief nicht h\u00f6ren wollen. Menschen, die ihre eigene Wahrheit zementieren \u2013 festgefahren im Glauben, auf der richtigen Seite zu stehen.<\/p>\n<h3><strong>Die Stimmen, die schweigen<\/strong><\/h3>\n<p>Es ist nicht nur das Lachen des Anwalts, das schwer wiegt. Es ist das Schweigen derer, die l\u00e4ngst verstummt sind \u2013 nicht, weil sie nichts zu sagen h\u00e4tten, sondern weil sie Angst haben. Angst vor den Konsequenzen, die ihre Wahrheit haben k\u00f6nnte. F\u00fcr sich selbst, f\u00fcr ihre Familien, f\u00fcr ihre Freunde, die noch in der Ukraine leben. Ich habe mit ihnen gesprochen. Mit jenen ukrainischen Gefl\u00fcchteten, die nach Deutschland kamen \u2013 geflohen vor dem Krieg. Geflohen vor einem Nationalismus, der sich im Westen Europas niemand vorstellen will. Geflohen vor Bomben, vor Hass, vor dem, was dieser Krieg mit den Menschen gemacht hat und immer noch macht. Wenn sich M\u00e4nner irgendwo verstecken, um nicht an die Front zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Doch sie schweigen. Weil sie wissen, was hier passiert, wenn man eine andere Geschichte erz\u00e4hlt. Wenn man sagt, dass es in der Ukraine nicht nur Opfer, sondern auch T\u00e4ter gibt. Dass Azov nicht nur irgendein Bataillon ist, sondern eine Bewegung, die ideologisch fest verwurzelt ist \u2013 im Neonazismus, in Menschenverachtung, in Gewalt. Sie wissen, dass es Strukturen in Deutschland gibt, Netzwerke von Ukrainern, die mit staatlicher Unterst\u00fctzung arbeiten, die offiziellen Narrative zu st\u00fctzen. Die jeden, der als \u201epro-russisch\u201c gilt, beobachten, markieren, bedrohen. Selbst hier \u2013 in Deutschland. Deshalb bleiben sie still. Deshalb sagen sie: Bitte, sag du es f\u00fcr uns. Sei unsere Stimme. Sei unsere Br\u00fccke. Ich habe diese Br\u00fccke schon einmal gebaut.<\/p>\n<p>2018, in Donezk. Ich habe gesehen, was deutsche Medien nicht zeigen wollten. Die Donnerschl\u00e4ge der Granaten. Die H\u00e4user ohne D\u00e4cher, ohne Fenster. Die Kinderheime voller elternloser Seelen, die den Krieg nicht begreifen konnten. Und ich habe mit Alexander Sachartschenko gesprochen, dem Pr\u00e4sidenten der Volksrepublik Donezk, bevor er ermordet wurde. Auch er war ein Teil dieser anderen Geschichte \u2013 die im Westen nicht erz\u00e4hlt werden durfte. Deshalb trifft es mich, wenn jemand wie der Anwalt aus Koblenz lacht. Weil dieses Lachen nicht nur mich trifft. Es trifft auch sie \u2013 die Kinder in Donezk. Die Alten, die nie aus den Kellern herausgekommen sind. Die Gefl\u00fcchteten hier, die sich nicht trauen, die Wahrheit zu sagen. Es ist ein Lachen, das alles \u00fcbert\u00f6nt, was nicht ins Bild passt. Doch es gibt Worte, die lassen sich nicht \u00fcbert\u00f6nen.<\/p>\n<h3><strong>Ein Gespr\u00e4ch, das etwas bewegt<\/strong><\/h3>\n<p>Nicht jeder, dem das falsche Narrativ verkauft wurde, bleibt darin gefangen. Manchmal reicht ein Gespr\u00e4ch, um Risse sichtbar zu machen. Ein enger Freund von mir, er kommt\u00a0aus Mayen, traf neulich einen Handwerker.\u00a0Ein Mann, bodenst\u00e4ndig,\u00a0\u00fcberzeugt davon, gut informiert zu sein \u2013 schlie\u00dflich sagen es alle Medien: \u201aDie Russen haben die Krim \u00fcberrannt.\u2018 Ein Satz, wie aus dem Lehrbuch der westlichen Narrative. Doch w\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs begann er zu stocken. Ihm fiel, so berichtet mein Freund, selbst auf, dass ihm etwas fehlte: Dass er nichts wusste von der Schwarzmeer-Flotte auf der Krim. Dass ein Vertrag der Ukraine den Russen bis 2042 das Recht gab, dort stationiert zu sein. Dass es ein Referendum der Krim-Bev\u00f6lkerung gab. Und dass der Putsch in Kiew 2014 \u2013 von den USA ma\u00dfgeblich eingef\u00e4delt\u00a0\u00a0\u2013 der eigentliche Bruch, der Grund f\u00fcr das Referendum auf der Krim war.\u00a0Je l\u00e4nger sie redeten, so mein Freund, desto klarer wurde: Das, was er glaubte zu wissen, war l\u00fcckenhaft. Es war kein Streit. Kein \u00dcberzeugen mit dem Hammer. Es war ein Gespr\u00e4ch, das zeigte: Wo Wissen fehlt, w\u00e4chst Zweifel. Und wo Zweifel w\u00e4chst, entsteht Raum f\u00fcr Neues. Nicht jeder bleibt im Reflex stecken. Manche brauchen nur den richtigen Moment, die richtigen Fragen.<\/p>\n<h3><strong>Das vergessene Kapitel<\/strong><\/h3>\n<p>Die Archivprotokolle, die vor wenigen Tagen aus russischen Best\u00e4nden ver\u00f6ffentlicht wurden, sprechen eine klare Sprache. Sie dokumentieren die systematische Vernichtung sowjetischer Kriegsgefangener in den\u00a0\u00a0Konzentrationslagern des Dritten Reichs \u2013 ein Kapitel, das im westlichen Ged\u00e4chtnis kaum noch eine Rolle spielt. Im Verh\u00f6rprotokoll des Lagerkommandanten Anton Kaindl vom 20. Dezember 1945 hei\u00dft es: \u201eIch erkenne an, dass das Konzentrationslager Sachsenhausen unter meiner direkten Aufsicht ein Ort der massenhaften Vernichtung sowjetischer Kriegsgefangener war, ebenso wie politischer Gegner und Zivilisten aus den besetzten Gebieten der UdSSR.\u201c\u00a0Diese Vernichtung geschah nicht nebenbei. Sie war Teil eines geplanten Systems, das gezielt auf die Ausl\u00f6schung sowjetischer Soldaten und Zivilisten ausgerichtet war. Kaindl best\u00e4tigt, dass sowjetische Kriegsgefangene \u2013 meist Angeh\u00f6rige der Roten Armee \u2013 innerhalb weniger Tage nach ihrer Ankunft liquidiert wurden, oft ohne Registrierung, ohne Spuren. Ein weiteres Protokoll beschreibt das Vorgehen: \u201eAuf direkten Befehl Himmlers wurde ab 1941 ein System der Aussortierung errichtet: Arbeitsf\u00e4hige Kriegsgefangene wurden der R\u00fcstungsindustrie zugef\u00fchrt, der Rest \u2013 insbesondere politische Kommissare, Intellektuelle und Offiziere \u2013 wurde unmittelbar ermordet.\u201c\u00a0Diese Praxis wurde konzertiert in allen Lagern des Reiches durchgef\u00fchrt, Sachsenhausen war nur ein Ort von vielen. Die Vernichtung war so umfassend, dass sie kaum dokumentiert wurde \u2013 viele der Opfer erschienen nie in den offiziellen Lagerlisten. Medizinische Experimente: der organisierte Sadismus.<\/p>\n<p>In einem der Protokolle schildert Anton Kaindl pr\u00e4zise die Rolle des Konzentrationslagers Sachsenhausen als Schauplatz medizinischer Verbrechen: \u201eIm Zeitraum von 1942 bis 1944 wurden im Lager Sachsenhausen auf Anweisung Himmlers und unter Aufsicht des \u00e4rztlichen Leiters des SS-Konzentrationslager-Inspektorats zahlreiche medizinische Experimente an H\u00e4ftlingen durchgef\u00fchrt.\u201c\u00a0Ein besonders grausames Kapitel betraf die sogenannte \u201eKompanie der L\u00e4ufer\u201c. Kaindl beschreibt: \u201eDie \u201aKompanie der L\u00e4ufer\u2018\u00a0wurde eingesetzt, um neue Modelle milit\u00e4rischer Schuhe f\u00fcr die Wehrmacht zu testen. Gem\u00e4\u00df dem Vertrag zwischen dem SS-Konzentrationslager-Inspektorat und dem Reichswirtschaftsministerium mussten die H\u00e4ftlinge t\u00e4glich bis zu 40 Kilometer laufen, mit Gewichten auf dem R\u00fccken, \u00fcber verschiedenste Untergr\u00fcnde \u2013 zehn Tage lang ohne Unterbrechung. Viele von ihnen brachen zusammen oder starben an Ersch\u00f6pfung.\u201c\u00a0Das Lager war auch ein Ort f\u00fcr medizinische Experimente unter Aufsicht von SS-\u00c4rzten. Kaindl gibt zu: \u201eEs wurden verschiedene Tests durchgef\u00fchrt, darunter zur Wirkung von chemischen Substanzen, Injektionen von Krankheitserregern, Operationsversuche ohne Bet\u00e4ubung.\u201c\u00a0Diese Experimente waren nicht medizinisch motiviert, sondern Ausdruck eines Systems, das Menschen zur reinen Verf\u00fcgungsmasse degradierte.<\/p>\n<h3><strong>Verf\u00fchrbarkeit einer Gesellschaft<\/strong><\/h3>\n<p>Er ist ein netter Mensch, ohne Frage. Ein Mann, der sein Leben gut eingerichtet hat, dieser Anwalt, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der gro\u00dfen Kanzlei, drei Jahre noch bis zur Pension. Ein H\u00e4uschen, eine Frau, keine Kinder. Er isst gern, trinkt gern, lebt in einem Wohlstand, den er sich verdient hat \u2013 so wird er es sehen. Er ist einer von vielen. Einer, der sein Berufsleben damit verbracht hat, Argumente f\u00fcr das System zu finden \u2013 gegen B\u00fcrger, die klagten, gegen Zweifel, die st\u00f6rten. W\u00e4hrend Corona verteidigte er die Kommunen, wenn es darum ging, staatliche Ma\u00dfnahmen abzusichern. Und heute? W\u00e4re er geneigt, dieselben Argumente wiederzufinden, wenn es um den Ukrainekrieg geht. Seine Haltung ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis eines Lebens, das gelernt hat, den Fluss der Dinge nicht zu st\u00f6ren. Er glaubt, was stabil h\u00e4lt. Er zweifelt, wenn es ungef\u00e4hrlich ist.<\/p>\n<p>Als ich ihm von den nationalistischen Strukturen in der Ukraine erz\u00e4hlte, von den Stimmen der Gefl\u00fcchteten\u00a0\u2013 da reagierte er, wie man es von einem erfahrenen Anwalt erwarten w\u00fcrde: Mit Abwehr. Mit einem L\u00e4cheln. \u201eDas glaub ich nicht.\u201c\u00a0Nicht weil ihm Beweise fehlten. Sondern weil diese Beweise keine Funktion in seinem Weltbild haben. Ein Weltbild, das gebaut ist aus den Nachkriegsnarrativen des Westens: Russland als Feind, die NATO als Schutzmacht, Demokratie gegen Despotie. Ein Bild, das in den 80 Jahren nach der Befreiung gepflegt wurde wie ein Garten, in dem alles w\u00e4chst, solange es den Zaun nicht sprengt. Ich kenne diese Menschen. Ich bin mit ihren Weggef\u00e4hrten im Gespr\u00e4ch \u2013 auch sie bem\u00fcht, an Informationen zu kommen, die nicht auf Spiegel-Online enden. Sie h\u00f6ren zu, sie fragen nach, sie bleiben h\u00f6flich. Und doch landen sie immer wieder dort, wo sie angefangen haben. Weil es schwer ist, die innere Architektur eines Weltbildes einzurei\u00dfen, das einen Jahrzehnte getragen hat. Ich schicke ihnen Podcasts \u2013 mit John Mearsheimer, mit Ivan Katchanovski, Stimmen aus den USA und Kanada, Wissenschaftler, die keine russische Propaganda brauchen, um die Realit\u00e4t zu beschreiben. Ich hoffe, sie h\u00f6ren zu. Ich hoffe, es st\u00f6rt das Muster, das sie kennen. Aber ich wei\u00df auch: Es braucht mehr als Informationen.<\/p>\n<p>Es braucht Mut, die eigene Position zu hinterfragen, wenn man jahrelang daran geglaubt hat. Es braucht die Bereitschaft, auf Sicherheiten zu verzichten \u2013 auf ideologische wie auf materielle. Die Ukrainerin, die mir den Brief schrieb, hat diesen Mut gefunden. Und ich frage mich, was es kostet, ihn zu finden. Vielleicht ist es Schuld, wie sie schreibt. Vielleicht ist es auch Einsicht in die Verf\u00fchrbarkeit einer Gesellschaft, die glaubte, der Westen bringe Wohlstand und Freiheit, und stattdessen ihre eigene W\u00fcrde verraten hat. Die Deutschen haben das auch erlebt vor \u00fcber 80 Jahren. Sie haben sich verf\u00fchren lassen \u2013 von Macht, von Ideologie, von der Hoffnung, dass man immer auf der Gewinnerseite steht, wenn man nur rechtzeitig die Zeichen liest. Und am Ende? Vergessen sie, was war. Vergessen sie, wem sie etwas schulden. Das ist der Preis f\u00fcr Bequemlichkeit: Man schaut weg, wenn es unbequem wird. Man glaubt, was zahlt. Man argumentiert f\u00fcr das, was bleibt. Vielleicht ist das die Quintessenz nach 80 Jahren Befreiung: Wir wollen niemanden ver\u00e4rgern. Wir wollen keine finanziellen Quellen verlieren. Aber es ist auch die Chance, dass jemand zuh\u00f6rt \u2013 und beginnt, das zu durchbrechen.<\/p>\n<h3><strong>Angst, das Falsche zu erkennen<\/strong><\/h3>\n<p>Vielleicht ist das genau der Grund, warum der russische Botschafter zum 80. Jahrestag der Befreiung ausgeladen wurde. Nicht, weil man ihn f\u00fcrchtet \u2013 sondern weil man die Geschichte f\u00fcrchtet, die er mitbringt. Die Erinnerung daran, dass Befreiung nie nur ein westliches Projekt war. Dass der Sieg \u00fcber den Faschismus nicht ohne die Opfer jener m\u00f6glich war, die man heute zu Gegnern erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Der leere Stuhl wird bleiben. Er ist mehr als ein diplomatisches Zeichen. Er ist das Symbol f\u00fcr einen Mainstream, der gelernt hat, zu folgen. Damals Hitler. Sp\u00e4ter der Regierung, als Grundrechte suspendiert wurden. Heute dem Narrativ \u00fcber die Ukraine \u2013 simpel, bequem, angepasst. Aber war es je richtig? Hat der Mainstream jemals die Geschichte verstanden? Oder ist das seine Konstante: folgen, glauben, verdr\u00e4ngen?<\/p>\n<p>Meine Freundin fragt genau das: \u201aWarum reicht es nie, einmal geirrt zu haben?\u2018 Vielleicht, weil es einfacher ist, die Welt in klare Linien zu teilen. Vielleicht, weil das Zuh\u00f6ren schwerer ist als das Glauben. Aber Gedenken \u2013 echtes Gedenken \u2013 verlangt mehr. Es verlangt, die Geschichte in all ihren Br\u00fcchen auszuhalten. Nicht nur zu erinnern, was passt. Sondern auch das, was st\u00f6rt. Vielleicht ist das die eigentliche Befreiung, die wir nach 80 Jahren noch immer schulden: Uns selbst zu befreien vom Reflex des Gehorsams. Vom bequemen Glauben an das einfache Bild. Von der Angst, das Falsche zu erkennen \u2013 und daraus Konsequenzen zu ziehen. Solange wir das nicht tun, bleibt der Stuhl leer. Nicht f\u00fcr Russland. Sondern f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Der Nazismus, von dem ich spreche, ist zu gro\u00df, um ihn zu sehen. Wie ein Elefant im Raum \u2013 aber so gewaltig, dass es leichter ist, ihn unsichtbar zu machen, als ihn anzuerkennen. Der Anwalt konnte ihn nicht sehen. Nicht, weil er blind ist. Sondern, weil sein Leben \u2013 sein Wohlstand, sein Glaube an die eigene moralische Position \u2013 diesen Elefanten nicht aush\u00e4lt. Aber der Nazismus existiert. Er tr\u00e4gt neue Farben, neue Fahnen, neue Narrative \u2013 und er lebt. Und wer ihn nicht sehen will, macht ihn nicht kleiner. Er macht ihn nur gef\u00e4hrlicher.<\/p>\n<p><strong>Der Stuhl bleibt leer \u2013 aber die Menschen kommen trotzdem. Weil die Geschichte nicht ausgesperrt werden kann.<\/strong><\/p>\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Einleitung: Das Massaker, das die Ukraine und die Welt ver\u00e4nderte:\u00a0<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_1<\/a><\/li>\n<li>Widerspr\u00fcchliche Narrative \u00fcber das Maidan-Massaker in der Ukraine:\u00a0<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_2<\/a><\/li>\n<li>Videorekonstruktion und Inhaltsanalyse des Maidan-Massakers am 20. Februar 2014:\u00a0<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_3<\/a><\/li>\n<li>Zeugenaussagen von mehreren Hundert Zeugen und 14 gest\u00e4ndigen Maidan-Scharfsch\u00fctzen:\u00a0<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_4<\/a><\/li>\n<li>Aussagen verletzter Maidan-Aktivisten und weiterer Zeugen im Prozess und bei Ermittlungen:\u00a0<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_5\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_5<\/a><\/li>\n<li>Forensische ballistische und medizinische Untersuchungen durch ukrainische Regierungsexperten:\u00a0<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_6\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_6<\/a><\/li>\n<li>Das Massaker am 18.\u201319. Februar 2014 und weitere Gewalt w\u00e4hrend des Euromaidan:\u00a0<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_7\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_7<\/a><\/li>\n<li>Gerichtsurteil zum Maidan-Massaker sowie Vertuschung, Blockade und Manipulation von Beweismitteln:\u00a0<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_8<\/a><\/li>\n<li>Schlussfolgerungen und Auswirkungen auf den Russland-Ukraine-Krieg und andere Konflikte in der Ukraine:\u00a0<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_9\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-031-67121-0_9<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Freidenkerin <strong>Sabiene Jahn<\/strong> studierte Kommunikation der Werbewirtschaft und arbeitet als Journalistin, Moderatorin, S\u00e4ngerin und Synchronsprecherin. Sie besch\u00e4ftigt sich mit gesellschaftspolitischen Themen sowie der Recherche extremistischer Strukturen.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"3615\" data-permalink=\"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/?attachment_id=3615\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sabiene-Jahn-Screenshot-aus-Video-NATO-AKTE-05.03.2022.jpg?fit=580%2C422&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"580,422\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Sabiene Jahn- Screenshot aus Video NATO-AKTE 05.03.2022\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sabiene-Jahn-Screenshot-aus-Video-NATO-AKTE-05.03.2022.jpg?fit=300%2C218&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sabiene-Jahn-Screenshot-aus-Video-NATO-AKTE-05.03.2022.jpg?fit=382%2C278&amp;ssl=1\" class=\"alignnone wp-image-3615\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sabiene-Jahn-Screenshot-aus-Video-NATO-AKTE-05.03.2022.jpg?resize=495%2C360&#038;ssl=1\" alt=\"Sabiene Jahn, Screenshot aus NATO-AKTE: 05.03.2022\" width=\"495\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sabiene-Jahn-Screenshot-aus-Video-NATO-AKTE-05.03.2022.jpg?w=580&amp;ssl=1 580w, https:\/\/i0.wp.com\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sabiene-Jahn-Screenshot-aus-Video-NATO-AKTE-05.03.2022.jpg?resize=300%2C218&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 495px) 100vw, 495px\" \/><\/p>\n<p>Sabiene Jahn organisiert die parteifreie Veranstaltungsreihe \u201e<a href=\"https:\/\/koblenzimdialog.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Koblenz: Im Dialog<\/a>\u201c, um gesellschaftspolitischen Austausch zu f\u00f6rdern. Als Friedensaktivistin entwickelt sie Konzepte zur Deeskalation und Inklusion, u.a. auf dem Kanal <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/@druschbafm6305\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">DruschbaFM<\/a>. Zudem leitet sie das internationale Musikensemble \u201e<a href=\"https:\/\/www.nobel-quartett.de\/quartett.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nobel Quartett<\/a>\u201c.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<h4>siehe auch:<\/h4>\n<p class=\"cm-entry-title\"><a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=21679\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Klaus Hartmann: 80 Jahre Begegnung an der Elbe \u2013 Stadt Torgau gestaltet einen Tag der W\u00fcrdelosigkeit<\/strong><\/a><\/p>\n<p>(inkl. Bilder-und Videogalerie)<\/p>\n<p class=\"beitrags-titel\"><a href=\"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/?p=3407\" target=\"_blank\" rel=\"bookmark noopener\"><strong>Tapferer Soldat \u2013 Ein Gespr\u00e4ch mit Sabiene Jahn und Johannes Heibel<\/strong><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<h6>Bild(er): Botschafter Sergej Netschajew: Wladislaw Sankin;\u00a0Pixabay (Ralphs_Fotos); Screenshot aus Video NATO-AKTE vom 05.03.2022<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Essay von Sabiene Jahn Original auf GlobalBridge Ein Stuhl bleibt leer, wenn am 8. Mai 2025 der 80. Jahrestag des Kriegsendes begangen wird. Sergei Netschajew, der russische Botschafter, ist ausgeschlossen \u2013 ausgeladen durch eine Handreichung des Ausw\u00e4rtigen Amts, das ihn und Vertreter Belarus\u2019\u00a0als unerw\u00fcnscht erkl\u00e4rt. 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