{"id":2125,"date":"2024-10-16T18:11:41","date_gmt":"2024-10-16T16:11:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/?p=2125"},"modified":"2025-08-07T21:24:56","modified_gmt":"2025-08-07T19:24:56","slug":"trauerrede-fuer-milli-bauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/?p=2125","title":{"rendered":"Trauerrede f\u00fcr Milli Bauer"},"content":{"rendered":"<h3>Am 19. September 2024 verstarb <strong>Emilie Bauer<\/strong> im Alter von 100 Jahren.<\/h3>\n<p>Die <strong>DKP-Gruppen Idar-Oberstein und Bad Kreuznach<\/strong>, die <strong>DKP-Bezirksorganisation Rheinland-Pfalz<\/strong> und der <strong>Deutsche Freidenker-Verband Rheinland-Pfalz\/Saarland<\/strong> nehmen Abschied von ihrer Genossin und <a href=\"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Todesanzeige-Milli-Bauer-EF.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">erinnern in ihrer gemeinsamen Todesanzeige an ihren Lebensweg<\/a>.<\/p>\n<p>Die Trauerfeier mit Urnenbeisetzung fand am Freitag, den 11. Oktober 2024, 14:00 auf dem Friedhof Almerich (Stadtteil Oberstein) in Idar-Oberstein statt.<\/p>\n<p><strong>Volker Metzroth<\/strong> hielt die <strong>Trauerrede<\/strong>, die hier nachzulesen bzw. <a href=\"https:\/\/www.rheinland-pfalz-saarland.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Trauerrede-Milli-Bauer-2024.10.11.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">als pdf herunterzuladen<\/a> ist:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p><em>Es gilt das gesprochene Wort<\/em><\/p>\n<p>Liebe Karin, liebe Sonja, lieber Stephan Grub und alle Angeh\u00f6rigen, liebe Genossinnen und Genossen, Freundinnen und Freunde von Milli, sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>vor knapp einem Jahr feierten viele von uns gemeinsam mit Milli ihren 100. Geburtstag.<\/p>\n<p>Heute sind wir hier, weil wir uns von ihr verabschieden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wobei einer besonders fehlt, der damals noch dabei war:<br \/>\nMillis Bruder Wolfgang.<br \/>\nEr verstarb am vergangenen Sonntag.<\/p>\n<p>Dazu mein Beileid seinem Sohn Stephan und allen Angeh\u00f6rigen.<\/p>\n<p>Wer Milli kannte, wei\u00df, dass sie in allem gr\u00fcndlich und vorausschauend war. So hat sie dann auch f\u00fcr denjenigen, der die Rede bei ihrer Trauerfeier halten w\u00fcrde, ob von den Freidenkern oder von ihrer Partei, einen Lebenslauf hinterlassen, eine \u2013 wie sie selbst schrieb \u2013 \u201egute Grundlage f\u00fcr die Trauerrede\u201c. Da hatte sie mal wieder recht.<\/p>\n<p>Ich kannte Milli und Alfred \u00fcber 50 Jahre und empfinde es als eine Ehre, hier heute an sie erinnern zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Milli wurde am 28. Oktober 1923 in Oberstein geboren. Sie wuchs mit Mutter, Gro\u00dfvater und Onkel in einer Arbeiterfamilie auf. Das Geld war knapp, auch die Zeit der teils in Heimarbeit besch\u00e4ftigten Erwachsenen, die Mutter ging Putzen.<br \/>\nAber man tat alles, damit aus ihr \u2013 ich zitiere sie \u2013 ein \u201eanst\u00e4ndiger Mensch\u201c wurde.<\/p>\n<p>Ab 1930 bis 1938 besuchte sie die Volksschule. Ihr Lehrer, der Herr H\u00fcgel f\u00f6rderte sie sehr, empfahl den Wechsel zum Gymnasium, was aber finanziell damals f\u00fcr einen Arbeiterhaushalt nicht leistbar war. So bekam sie dann durch F\u00fcrsprache ihres Lehrers 1938 eine kaufm\u00e4nnische Lehrstelle in der Fabrik der Gebr\u00fcder Stern. Angesehene Menschen, die bis dahin als Juden in Idar-Oberstein relativ unbehelligt geblieben waren.<\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich mit der Reichspogromnacht, als auch die Sterns Opfer des faschistischen Rassenwahns und des organisierten Terrors der Nazibanden wurden, teils nach Dachau verschleppt wurden. Zu ihrem Gl\u00fcck fanden die Sterns sp\u00e4ter in England als Fl\u00fcchtlinge Schutz und Aufnahme. Im Lichte akueller Diskussionen kein unwesentlicher Fakt. Ihr Betrieb wurde \u201earisiert\u201c, sp\u00e4ter von \u201eGalanteriewaren\u201c auf R\u00fcstungsproduktion umgestellt und bald nach dem Krieg geschlossen.<\/p>\n<p>Milli musste als junge Frau Krieg und Faschismus erleben und deren Folgen in den Nachkriegsjahren. Eine \u2013 wie sie schrieb \u2013 \u201eschlimme Zeit\u201c, gepr\u00e4gt vom t\u00e4glichen Kampf ums \u00dcberleben, ein paar Kartoffeln, ein St\u00fcck Brot. Das pr\u00e4gte ihr weiteres Leben.<\/p>\n<p>Ihre Mutter heiratete 1939. 1943 wurde ihr Bruder Wolfgang geboren. Zu ihm, zu ihrer Schw\u00e4gerin Brigitte und deren Sohn Stephan hatten sie und Alfred all die Jahre ein inniges Verh\u00e4ltnis. Noch in den letzten Monaten k\u00fcmmerte sich Wolfgang liebevoll um vieles, trotz eigener Krankheit. Ihren maschinengeschriebenen Lebenslauf erg\u00e4nzte sie hier handschriftlich, an den Bruder und dessen Familie gerichtet, mit \u201eNochmals Danke\u201c.<\/p>\n<p>Ihren Alfred lernte sie 1949 kennen. Sie heirateten 1955.<\/p>\n<p>Alfred war handwerklich perfekter Stahlgraveur und kreativer Schmuckentwerfer. Das Zeichnen war eine seiner St\u00e4rken. Mit Millis Unterst\u00fctzung wandte er sich dann als Rentner der Malerei zu, absolvierte ein Kunststudium und machte sich auch mit seinen Bildern in der Region einen guten Namen. Alfred verstarb 2013 v\u00f6llig unerwartet.<\/p>\n<p>Die Jahrzehnte mit ihm bezeichnete sie als ein \u201eaktives und erf\u00fclltes Leben\u201c. Und weiter: Diskussionen habe es oft gegeben, aber der Blick sei immer in dieselbe Richtung gegangen. Dazu geh\u00f6rte auch, dass beide bis ins hohe Alter sportlich aktiv waren, von Radfahren bis Langlaufski. Als Reisende, nicht als Touristen, besuchten sie viele L\u00e4nder, interessiert nicht nur an Landschaft und Sehensw\u00fcrdigkeiten, sondern am Leben der arbeitenden Menschen. Stephan erz\u00e4hlte mir j\u00fcngst, dass er schon als Kind \u00f6fters mitfahren konnte.<\/p>\n<p>Ihr gro\u00dfer Wunsch nach eigenen Kindern blieb leider unerf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Von 1949 bis zur Rente ab 1983 arbeitete Milli dann bei der Firma Fissler als kaufm\u00e4nnische Angestellte. Die Arbeit dort machte ihr Spa\u00df, zumal sie als Mitglied der IG Metall und \u00fcber 20 Jahre Betriebsr\u00e4tin im Interesse ihrer Kolleginnen und Kollegen Einfluss auf deren Arbeitswelt nahm. Sie war Mitglied der Vertreterversammlung ihrer Gewerkschaft, von Tarifkommissionen, aktiv bei Streiks und Demonstrationen dabei und im Alter gemeinsam mit Alfred im Seniorenausschuss engagiert. Was sie beide auszeichnete war ihre Offenheit f\u00fcr Neues, wenn es um Interessen der Jugend ging.<\/p>\n<p>Milli hatte in eine kommunistische Familie eingeheiratet. Ihr Schwiegervater war als Kommunist ein in der Idar-Obersteiner Arbeiterschaft geachteter Mann. Das wei\u00df ich auch von meiner eigenen Mutter, die, aus Kirchenbollenbach stammend, damals bei Klein und Quenzer arbeitete, wo Alfred sp\u00e4ter lange Betriebsratsvorsitzender war. \u00d6fters sprach sie voller Achtung vom \u201ealten Bauer\u201c und auch von Alfred.<\/p>\n<p>Als Kommunistin und Gewerkschafterin nahm Milli an den K\u00e4mpfen gegen Krieg und alte wie neue Faschisten teil, gegen die Remilitarisierung in den 50ern, den Vietnamkrieg, die Raketenstationierung im nahen Hunsr\u00fcck in den 80ern und die Atombomben in B\u00fcchel. Auch den dritten deutschen Angriffskrieg in letzten Jahrhundert gegen Serbien bzw. Jugoslawien 1999 verurteilte sie, ebenso das Sch\u00fcren auch aktueller Kriege durch Waffenlieferungen aus Deutschland. Die Solidarit\u00e4t mit den Opfern der Berufsverbotspolitik war ihr selbstverst\u00e4ndlich, hatte sie doch selbst Verfolgung erfahren m\u00fcssen wie z.B. durch Hausdurchsuchungen in Zeiten der Illegalit\u00e4t der KPD.<\/p>\n<p>Die DKP an der Nahe 1968 mit konstituierend, war sie u.a. auf Kreis- und Ortsebene bis 2023 als Kassiererin t\u00e4tig. Als in ihrer Stadt geachtete Pers\u00f6nlichkeit trat sie \u00f6ffentlich f\u00fcr ihre Partei auf, auch durch kommunale Kandidaturen. Die Ereignisse von 1989 und den folgenden Jahren waren f\u00fcr Milli ein gro\u00dfer R\u00fcckschlag, aber kein Grund, den von ihr als richtig erkannten Weg nicht weiterzugehen. Trotz alledem! Sie war fest \u00fcberzeugt, dass der Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte sein wird.<\/p>\n<p>Als Marxistin sah sie die Welt als erkennbar an, brauchte daf\u00fcr keine von Menschen erdachten G\u00f6tter usw. So war sie dann auch Mitglied im Deutschen Freidenker-Verband. F\u00fcr sich selbst alles Religi\u00f6se ablehnend, bek\u00e4mpfte sie aber nicht die gl\u00e4ubigen Menschen, sondern den vielf\u00e4ltigen Missbrauch von Religion bis hin, dass man immer wieder junge Menschen mit den Versprechen eines guten Platzes irgendwo im Jenseits in Krieg und Tod schickt. Mit vielen religi\u00f6sen Menschen pflegte sie gute Kontakte, z.B. in der Friedensbewegung.<\/p>\n<p>Mit Spenden unterst\u00fctze sie auch die Arbeit sozial engagierter Menschen und Projekte, z. B. die Tafel in Idar-Oberstein.<\/p>\n<p>Den 100. Geburtstag feierte sie gemeinsam mit Familie, Freunden, Nachbarn, Kollegen, Genossen und auch \u201eOffiziellen\u201c der Stadt Idar-Oberstein bei noch recht guter Gesundheit und geistiger Frische. In den Folgemonaten aber schwanden Millis Kr\u00e4fte leider schnell, sie musste ihre Wohnung aufgeben und ins AWO-Seniorenzentrum umziehen. Am 19. September verstarb sie dann.<\/p>\n<p>Milli wird uns, ihren Genossinnen und Genossen von den Freidenkern und der DKP als K\u00e4mpferin f\u00fcr Frieden und Sozialismus ein Vorbild in Erinnerung bleiben.<\/p>\n<p>Alle, die sie kannten, liebten und sch\u00e4tzten, ihre Angeh\u00f6rigen, Freunde, Kollegen und Nachbarn, werden sie als gro\u00dfartigen Menschen, gepr\u00e4gt von Humanismus und Empathie, auch als Vorbild, in ihrem Ged\u00e4chtnis bewahren.<\/p>\n<p>Milli und Alfred hatten keine Angst vor dem Tod.<\/p>\n<p>Deshalb will ich meine Rede mit einem Zitat von Immanuel Kant beenden:<\/p>\n<p><strong>Den Tod f\u00fcrchten die am wenigsten, deren Leben den meisten Wert hat.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">Volker Metzroth<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<h6><\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 19. September 2024 verstarb Emilie Bauer im Alter von 100 Jahren. 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